Ich will nicht „in Deutschlandfahnen baden“

fahnenmeer_2016Alexander Gauland von der AFD, kurz vor der Fußball-EM durch scheinbar grenzdebile Äußerungen über Jerome Boateng und das DFB-Team aufgefallen, ist keinesfalls, wie von mir in einem ersten Furor behauptet, nur ein „frustrierter, schamlos verlogener und dummer alter Mann“. Das greift nicht nur zu kurz, es ist sogar falsch und verharmlost diesen Mann. Ob man Alexander Gauland bereits einen Nazi nennen sollte, oder überhaupt darf, sei dahingestellt. Ein erfolgreicher rechter Demagoge ist er allemal. Anfang Juni 2016 hat Alexander Gauland einmal mehr bewiesen, wie professionell er sein Fach und den Umgang mit den Medien beherrscht. Und wir sind ihm vermutlich alle, auch die ZEIT, Anne Will und der SPIEGEL, auf den Leim gegangen.

Jan Fleischhauer empfiehlt in seiner SPIEGEL-Kolumne vom 06.06.2016 Gauland wörtlich zu nehmen. Das ist zwar ein erster Schritt, greift aber immer noch zu kurz. Man sollte in Betracht ziehen, dass jemand wie Alexander Gauland auch das mit der Lügenpresse so meint wie er es sagt – und Interviews und Talkshow-Auftritte mit allem Zynismus für seine Ziele vernutzt.

Ich vermute, Alexander Gauland kommuniziert schlicht durch Andersdenkende hindurch, ganz egal ob ihm Anne Will vermeintliche Fangfragen stellt oder Justizminister Heiko Maas höchstselbst ihn zu widerlegen versucht. Ob er seinen scheinbaren Gesprächspartnern argumentativ standhält, spielt für ihn eine nachgeordnete Rolle – für ihn und seine Zielgruppe sind sie ohnehin nur Politiker-Darsteller, Lügenpresse-Vertreter, Vertuscher, Schönredner und verirrte Gutmenschen. Während sie sich empören und ihm widersprechen verstärken sie seine Wirkung auf die, die er erreichen will. Was Gauland da absondert, sind keine Chiffren, die es zu enträseln gilt. Für seine Zielgruppe sind das verständliche Inhalte, klare Positionen und nur noch kümmerlich kaschierte politische Bekenntnisse zur nationalen Rechten.

Wie Gauland mit seinen Wählern kommuniziert, zeigt ein von AFD-Television veröffentlichtes youtube-Video, aufgenommen auf einer Demo in Elsterwerda (Brandenburg) am 2.06.2016, also wenige Tage nach dem umstrittenen Interview. Hier zitiert Redner Gauland vier Mal, wie beiläufig, den Spruch „Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land“ – von einem vor ihm hoch gehaltenen Demonstrationsplakat. Der Spruch ist nicht neu, stammt nachweislich von der NPD und ist seit vielen Monaten auf den Demonstrationen der braunen Wutbürger zu sehen. Die Asylpolitik der „Noch-Kanzler-Diktatorin“ Angela Merkel geißelt er als Irrsinn, die vor ihm (und um das NPD-Plakat versammelten) fordert er auf „mit allen Mitteln dagegen (zu) stehen und dagegen (zu) kämpfen“. Die Menge applaudiert und skandiert „Widerstand“.

Alexander Gauland, AFD-TV
https://www.youtube.com/watch?v=STUZrZ4gl7A

Faktisch ist der scheinbar so harmlose Kampagnenspruch „Heute sind wir tolerant und morgen fremd im eigenen Land“ eine Art roter Faden zwischen AfD und NPD. In der rechtsextremistischen Szene populär gemacht, hat ihn die Neonazi-Band Gigi & Die Braunen Stadtmusikanten. Das zu deren Song „Fahnenmeer“ von „NS Christ“ auf youtube eröffentlichte Video, ist ein bislang vom Rechtsstaat wohl unentdecktes Meisterwerk rechtsextremer Propaganda. Zugleich gewährt es einen einzigartig unverstellten Einblick in das Weltbild derer, mit denen Alexander Gauland spricht, wenn er sagt, was er sagt.

NS Christ / Nazipropaganda
https://www.youtube.com/watch?v=0phvnyBVjZQ

Gauland weiß genau, was er sagt, wem es gilt und wie es dort ankommt. Als argumentative Überlegenheit daherkommende intellektuelle Überheblichkeit ist ganz sicher der falsche Weg der Auseinandersetzung – und ziemlich sicher auch zu wenig Widerstand. Gauland und seine Nazifreunde jedenfalls meinen es ernst mit einem ganz anderen Deutschland  – und wollen keinesfalls nur „in Deutschlandfahnen baden“.

Anmerkung des Autors: Bitte melden Sie das youtube-Video nicht – ich finde es hat seine Berechtigung am Rande der Legalität. Den Artikel zu verlinken ist natürlich erwünscht. Aber bitte verbreiten sie die Links nicht unkommentiert. Zumindest beim Zweiten handelt sich ohne Zweifel um Nazi-Propaganda.

Historisch-politische Bildung 2016: „Unwissende damit ihr / unwissend bleibt / werden wir euch / schulen“?

Am 6. Juni 2016 veranstaltete die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in München zusammen mit dem Deutschen Lehrerverband (DL), der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände und dem Bund Freiheit der Wissenschaft eine Tagung zum Thema „Historisch-politische Bildung in Zeiten des Wandels“.[1] Das Vortragsprogramm schmückte sich mit einer Trias konservativer Altmeister aus Poltik- und Geschichtswissenschaft: Bassam Tibi, Michael Wolffsohn und Heinrich Oberreuter. Insofern durfte man man auf den Verlauf der Tagung im Franz Josef Strauß-Saal des Konferenzzentrums an der Münchner Lazarettstraße durchaus gespannt sein.

Den meisten Diskussionsstoff boten allerdings nicht die talkshowgestählten Prominenten, sondern der Berliner Zeitgeschichtler Klaus Schroeder, der die Befunde einer 2012 erstellten Studie über „zeithistorische Kenntnisse und Urteile von Schülern“ vorstellte.[2] Die an der FU Berlin konzipierte Untersuchung, zu der rund 7000 Neunt- und Zehntklässler aller Schularten aus Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt worden waren, brachte verheerende Ergebnisse ans Licht, denn die befragten Schüler verfügten mehrheitlich kaum über rudimentäres Basiswissen. So konnten beispielsweise nur knapp 15 Prozent der Schüler den Begriff „Deutscher Herbst“ zutreffend einordnen. Noch verdrießlicher waren aber weitverbreitete grundlegende Fehleinschätzungen: Rund 30 Prozent der Befragten meinten etwa, die DDR sei keine Diktatur gewesen, 45 Prozent hielten die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung nicht für eine Demokratie. Sogar unter Gymnasiasten glaubten 16,4 Prozent, dass individuelle Menschenrechte gleichermaßen im Dritten Reich, in der DDR und in der Bundesrepublik gewährleistet gewesen seien. Bei solch eklatanter Indifferenz im Zeitgeschichtsbild müsse die Anfälligkeit junger Leute für rechtspopulistische Parolen kaum verwundern, bilanzierte Schroeder die Ergebnisse säuerlich.


Die sich nach seinem Vortrag aufdrängende Frage, wie denn die historisch-politische Schulbildung künftig verbessert werden könne, beantwortete Schroeder selbst mit einem Vorschlag zur Umgestaltung der Lehrpläne: In Geschichte und Sozialkunde müsse stärker berücksichtigt werden, dass eine wachsende Anzahl von Schülern einen Migrationshintergrund habe und sich entsprechend auch die Wissensvoraussetzungen für den Unterricht gewandelt hätten. Ferner müsse die Zeitgeschichte im Curriculum ein größeres Gewicht erhalten; außerdem plädierte Schroeder grundsätzlich für mehr Anschaulichkeit im Unterricht – so könnten beispielsweise alltagsgeschichtliche Aspekte mit der Vermittlung von grundlegenden zeithistorischen Inhalten verbunden werden. Schroeders Anregungen sind zwar nicht neu, aber weisen sicherlich vage in die richtige Richtung, weswegen sie zum Teil auch bereits aufgegriffen worden sind. Beispielsweise findet sich in neueren Geschichtsschulbüchern durchaus häufiger ein Bezug zur Alltagsgeschichte, und auch die Bemühungen um eine anschauliche Vermittlung historischer Inhalte sind größer geworden.[3]

Weitere Überlegungen zu der Frage, wie die historisch-politische Bildung in der Schule runderneuert werden könnte, stellte auch der Lehrerverbandsvorsitzende Josef Kraus in seiner Tagungseinführung an. Ausgehend von einem traditionellen Bildungsbegriff auf wertkonservativer Grundlage machte Kraus sich dabei für eine „Renaissance der Inhalte und des Wissens“ in den Fächern Geschichte und Sozialkunde stark. Aber auch wenn Kraus seine Kritik an dem seit dem PISA-Schock sich ausbreitenden oberflächlichen Kompetenzbegriff durchaus plausibel machen konnte, wurde in seinen Ausführungen nicht recht deutlich, warum gerade der Rückgriff auf die didaktischen Rezepte der Vor-PISA-Zeit eine Besserung bewirken könne. Denn zum einen war der bedenkliche Zustand der historisch-politischen Bildung ja bereits 2007 in einer ersten Untersuchung von dem FU-Forschungsteam um Klaus Schroeder offen gelegt worden.[4] Und zum anderen hatte der PISA-Schock kurz nach der Jahrtausendwende seinen Ursprung ja gerade darin, dass der Zustand der Bildung in Deutschland insgesamt  als desolat empfunden wurde. Auch wenn die damaligen Tests der OECD die Hauptfächer betrafen, deutet wenig darauf hin, dass die Schülerkenntnisse in Geschichte und Sozialkunde im Jahr 2000 bei einem entsprechenden Vergleichstest mehr Anlass zur Freude gegeben hätten.


Nicht nur beim DL-Vorsitzenden Josef Kraus vermisste man so zukunftsweisende Anregungen für die historisch-politische Schulbildung, sondern eigentlich im gesamten weiteren Verlauf der Tagung. Zwar gab es Vorträge zu hören, die für sich betrachtet durchaus interessant waren, aber sie schienen nur lose mit dem Rahmenthema verbunden und beschränkten sich dabei zumeist auf kritische, mitunter sogar düstere Bestandsaufnahmen. So sprach Bassam Tibi kenntnisreich über die Vielfalt des Islam und sein eigenes Konzept eines Euro-Islam – hier hätten sich eigentlich Anknüpfungspunkte für weitere schulpraktische Überlegungen angeboten. Auch empfahl der Göttinger Politologe nachdrücklich, die Vertreter liberaler Islamwissenschaften an den Hochschulen zu fördern und ihre Lehrstühle finanziell besser auszustatten. Doch schloss er sein Referat mit der tristen Einschätzung, vor der Macht fundamentalistischer Islamisten angesichts der jüngsten Entwicklungen nun kapitulieren zu müssen; nachdrücklich warnte Tibi dabei vor der Entstehung neuer Parallelgesellschaften in Deutschland.

Auch das sich anschließende Referat von Michael Wolffsohn war in seinem Grundton eher pessimistisch. Denn der Münchner Historiker begründete ausführlich, warum aus dem wohlklingenden Ruf nach „Zivilcourage“, der aus dem Munde von Politikern immer öfter zu hören ist, letztlich nur bloße Ohnmacht spreche. Wenn zur „Zivilcourage“ als Allheilmittel gegen extremistische Gewalt nachdrücklich aufgefordert werde, stehe eigentlich die Kapitulation des staatlichen Gewaltmonopols bevor, denn die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit werde zur Gemeinschaftsaufgabe umdefiniert. Statt für „Zivilcourage“, die Wolffsohn im Sinne von Widerstand gegen Unrecht, wie ihn etwa die Geschwister Scholl praktiziert hätte, verstanden wissen wollte, plädierte er für „Zivilität“ unter dem Leitspruch „Anstand statt Aufstand“. Schülertrainingsprogramme zur Gewaltprävention, die sich häufig auf den Begriff der Zivilcourage berufen, betrachtet Wolffsohn in diesem Sinne eher als sinnvolle Übungen zur Praxis von Zivilität.


Auch Heinrich Oberreuter beschäftigte sich mit Defiziten der Politik, denn im Kern seines Vortrags stand der seit Jahren um sich greifende Vertrauensverlust des politischen Systems. Ihn brachte Oberreuter ursächlich mit dem Erstarken von AfD und Pegida in Verbindung. Die von dem Passauer Politologen im Sinne eines gelebten Pluralismus geforderte argumentative Auseinandersetzung mit Bachmann oder Petry konnte durchaus auch als aktueller Arbeitsauftrag an die schulischen Bildungsvermittler verstanden werden, sich vor Ort aktiv an der Rechtsextremismus-Prävention zu beteiligen. Konterkariert wurde diese Absicht allerdings von Oberreuter selbst durch seine –  im Franz Josef Strauß-Saal überwiegend wohlwollend aufgenommene – Verteidigung des Seehofer-Kurses gegenüber der AfD. Denn auch wenn sich, wie Oberreuter als Beleg für seine Thesen anführte, laut Umfragen nicht wenige AfD-Anhänger eine bundesweite Seehofer-CSU wünschen, deuten die aktuellen Forsa-Zahlen aus Bayern andererseits nicht darauf hin, dass gerade das Aufgreifen von rechtspopulistischen Forderungen „besorgter Bürger“ für die Christsozialen das richtige Rezept gegen den AfD-Aufschwung sein könnte.[5] Deshalb raten ja auch andere Politik-Berater der Union als Partei der Mitte zu einem klaren Abgrenzungskurs nach Rechtsaußen.

Einen Fortbildungstag lang hatte sich die Mitglieder konservativer Lehrerverbände so geduldig mit dem ernüchternden Zustand der historisch-politischen Schulbildung auseinandergesetzt, ohne klare Lösungsansätze aus der Misere an die Hand gegeben zu bekommen. Zu guter Letzt wurde das Auditorium aber noch mit einem künstlerisch hochklassigen Abschluss der Tagung versöhnlich gestimmt. Der letztjährigen Franz Josef Strauß-Preisträger Reiner Kunze eröffnete seinen Vortrag zwar zunächst mit einer strengen Philippika gegen Orthographieverstöße – Anlass dazu bot ein Lapsus auf der Powerpoint-Begrüßungsfolie der gastgebenden Stiftung, auf der die Worte „Herzlich Willkommen!“ [sic] zu lesen waren. Hieran schloss sich dann aber Kunzes sanfter, anrührend intensiver Lyrikvortrag an, den der einstige DDR-Dissident freilich mit seinem Gedicht „DIALEKTIK“ betitelt hatte:

Unwissende damit ihr
unwissend bleibt
werden wir euch
schulen.

Wenngleich Kunze diesen Text 1969 aus kritischer Innenansicht der DDR heraus verfasst hatte, hätten böse Zungen auch unken können, er habe damit eigentlich den Leitspruch vorgeben wollen, unter den die Tagung in der Hanns-Seidel-Stiftug hätte gestellt werden müssen. Zumindest könnte man so mutmaßen, wenn man kritisch nach Antworten sucht auf die dringlichste Frage an die „historisch-politische Bildung in Zeiten des Wandels“: Auf welche Weise können die Schulen heute eigentlich in den Fächern Geschichte und Sozialkunde wieder aktiv zu einem nachhaltigen Orientierungswissen der jungen Generation im Dienste der Stärkung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung beitragen?

Anmerkungen:
[1] Das Tagungsprogramm findet sich als PDF-Dokument unter: https://t.co/ZiQgZpWODg
[2] Klaus Schroeder, Monika Deutz-Schroeder, Rita Quasten u.  Dagmar Schulze Heuling: Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen, Frankfurt a.M. 2012.
[3] Beispielhaft kann man hier etwa auf die Reihe „Das waren Zeiten“ aus dem Buchner-Verlag verweisen, die freilich aufgrund ihrer konsequenten Unterordnung anderer stofflich-wissensvermittelnder Aspekte unter das Prinzip der didaktischen Reduktion und Anschaulichkeit bei Geschichtslehrern nicht unumstritten ist.
[4] Klaus Schoeder u. Monika Deutz-Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – Ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008; Dies.,  Oh wie schön ist die DDR. Kommentare und Materialien zu den Ergebnissen einer Studie, Schwalbach 2009.
[5] CSU in Bayern laut Forsa-Umfrage nur noch bei 40 Prozent, in: Die Welt 8.6.2016, http://www.welt.de/newsticker/news1/article156052396/CSU-in-Bayern-laut-Forsa-Umfrage-nur-noch-bei-40-Prozent.html

Mehr Tweets zu der Veranstaltung finden sich auf meinem Twitter-Account (https://twitter.com/Muenchen1968) sowie unter dem Hashtag ‪#‎HPB2016.

„Die jüngeren Historiker tun so, als ob sie in derselben Lage heldenhaft gewesen wären“: Alfred Grosser zu Gast im Münchener Presseclub


Zur Präsention des Buchs „München war anders! Das NS-Dokumentationszentrum und die dort ausgeblendeten Dokumente“ sprach am 16. Juni 2016 im Münchener Presseclub der mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Politologe Alfred Grosser. Eingangs verteidigte der große alte Mann der deutsch-französischen Freundschaft seine Entscheidung, ein Vorwort für den im kleinen Lau-Verlag erschienenen Band beigesteuert zu haben, wenngleich er einige Thesen seiner Verfasser Konrad Löw und Felix Dirsch als durchaus „übertrieben“ einschätze.

Das nicht unumstrittene katholisch-konservative Autorenduo Löw/Dirsch setzt sich kritisch mit der Dauerausstellung in dem im Mai 2015 eröffneten Münchner NS-Dokumentationszentrum auseinander. So wies Konrad Löw im Presseclub die Einschätzung zurück, das die Münchner während der NS-Zeit „überwiegend Mitläufer und Mittäter“ gewesen seien. Es werde in der Ausstellung hinsichtlich der Frage der Verbreitung antisemitischer Einstellungen „nur das Negative zitiert“, aber „das Positive unterschlagen“, bemängelte Löw.

Auch der 1925 in Frankfurt geborene Alfred Grosser, der als deutscher Jude 1933 mit seinen Eltern nach Frankreich emigrieren musste, monierte, dass in neuerer Literatur – wie etwa bei Götz Aly – allzu pauschal vom Antisemitismus „der Deutschen“ gesprochen werden, anstatt stärker zwischen unterschiedlichen Haltungen der deutschen Bevölkerung in der Zeit von 1933 bis 1945 zu differenzieren. „Die jüngeren Historiker tun so, als ob sie in derselben Lage heldenhaft gewesen wären“, fügte Grosser hinzu. Zugleich distanzierte er sich aber in anderen Punkten von Konrad Löws Positionen, etwa bei dessen Einschätzung der Haltung der katholischen Kirche im Nationalsozialismus, die Grosser als durchaus „ambivalent“ bezeichnete.


Im Publikum zugegen war auch einer der beiden Vorsitzenden des Kuratoriums des NS-Dokumentationszentrums, der Münchner Alt-OB Hans-Jochen Vogel. Wenngleich er sich eher skeptisch zu einigen Thesen Löws äußerte, etwa zur Rolle Kardinal Faulhabers in den 1920er und 1930er Jahren, setzte Vogel sich dennoch dafür ein, dass Kritik an der Ausstellung im NS-Dokuzentrum, soweit sie sachlich begründet werden könne, in jedem Fall „anzuhören“ sei. Löw selbst beklagte in diesem Zusammenhang die bisher fehlende Bereitschaft des Leiters des NS-Dokuzentrums, Winfried Nerdinger, sich mit Einwänden überhaupt offen auseinanderzusetzen.


Mehr Tweets zu der Veranstaltung finden sich auf meinem Twitter-Account (https://twitter.com/Muenchen1968) sowie unter den Hashtags ‪#‎NSDokuzentrum ‪#‎München.

Jérôme Boateng – ein farbiger deutscher Weltmeister

DEUTSCHLAND, DEINE DEUTSCHEN (1)
boateng_privatJérôme Boateng, geb. 1988 in West-Berlin. Vater Ghanaer, Mutter Deutsche. Triple 2013 mit dem FC Bayern. Mit der deutschen Nationalmannschaft gewann er die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Foto: Boateng.

„Wir sind Weltmeister“ dank junger Männer wie Jérôme Boateng. Allerdings wird sich kaum einer von uns die Nachbarschaft zu Jérôme Boateng leisten können. Die meisten von uns sind dafür schlicht zu arm.

Alexander Gauland (AFD) ist ein frustrierter, schamlos verlogener und, wie wir jetzt auch wissen: dummer alter Mann. http://www.welt.de/vermischtes/article155987515/Ich-wusste-gar-nicht-dass-Boateng-farbig-ist.html

 

Ein Jahr NS-Dokumentationszentrum in München – Rückblick auf die wechselvolle Entstehungsgeschichte und Betrachtungen zu ausstellungsdidaktischen Problemlagen

Zum ersten Mal jährte sich am 1. Mai 2016 das Bestehen des Münchener NS-Dokumentationszentrums. In der Presse wurde der Jahrestag unter Verweis auf knapp 220.000 Besucher seit der Eröffnung 2015 durchweg positiv gewürdigt.[1] Auch die an der Barer Straße in München, am historischen Standort des „Braunen Hauses“, der 1945 zerstörten NSDAP-Parteizentrale, gelegene Einrichtung blickte in einer Pressemitteilung zufrieden auf den „Erfolg des ersten Jahres“ zurück. Sie verwies dabei auch auf das „rege Interesse an den Bildungsangeboten“, die mehrmals im Jahr wechselnden Sonderausstellungen sowie neuartige Angebote an digitalen Vermittlungsmedien wie etwa die Smartphone-App „Orte Erinnern“.[2]

 

Die harmonische erste Geburtstagsfeier des Dokuzentrums könnte fast die Dissonanzen vergessen lassen, die seine wechselvolle Entstehungsgeschichte begleiteten. Nach intensiven Diskussionen in München seit den 1980er Jahren fasste der Stadtrat 2001 den Grundsatzbeschluss, ein Dokumentationszentrum zur nationalsozialistischen Vergangenheit der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ aufzubauen. Zehn Jahre später wurde schließlich mit den Bauarbeiten begonnen. Der „weiße Würfel“, der von den Siegern des 2008 ausgelobten Architektur-Wettbewerbs, den Berlinern Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel, mit einer Kantenlänge von 22,5 Metern entworfen wurde, stieß allerdings auf eine geteilte Resonanz. So würdigte etwa Alfons Pieper im „Blog der Republik“ die Symbolik des „weißen Kubus im Bauhausstil“ als bewussten „Kontrapunkt“ zur historischen Vergangenheit des Ortes: „An der Stelle, wo die Brutstätte für den Nazi-Terror war, nämlich das braune Haus, steht heute das weiße Haus.“[3] Bemängelt wurde andererseits, der sechstöckige, mit zwei weitläufigen Tiefebenen unterkellerte Bau erweise sich „als denkbar ungeeignet für eine zeitgeschichtliche Ausstellung“.[4]

Noch weiter ging der Journalist Till Briegleb im Kunstmagazin „Art“. In seiner mit der ironischen Forderung „Sofort wieder abreißen!“ betitelten Glosse kritisierte er, das Dokuzentrum greife mit seiner „bedingungslosen Zweck-Neutralität“ und seiner„abwaschbaren Hülle in der Farbe der Unschuld“ gerade auf die verkehrte Symbolsprache zurück: Es zeige „nach Außen eine erstarrte Vernunftsmaske aus Distanz, Kälte und Angst vor Empathie.  […] Der Versuch, jede Ambivalenz aus dieser Architektur herauszuhalten, führt deswegen zu einem Gebäude, das mehr mit der herzlosen Akkuratesse seines Gegenstands zu tun hat, als ihm lieb sein kann. Diese Ausstrahlung emotionaler Unfähigkeit lässt sich dem Eiswürfel nie mehr austreiben.“[5]

Widerspruch rief aber nicht nur die Gebäudearchitektur hervor. Die Hauptkontroversen entzündeten sich vielmehr an der Frage der inhaltlichen Ausrichtung des Dokumentationszentrums. So verscherzte sich seine erste Gründungsdirektorin, Irmtrud Wojak, 2011 die Sympathien der Stadtratsmehrheit beim Streit über die Frage, ob das Kürzel „NS“ als Bestandteil des Einrichtungsnamens verwendet werden sollte.[6] Bereits sieben Monate später musste Wojak dann wegen konzeptioneller Differenzen mit dem wissenschaftlichen Beirat ihren Hut nehmen. Ihre Grundidee lehnte sich an den „Ort der Information“ des Berliner Holocaustmahnmals an – so sollte in München ein Lern- und Erkenntnisort entstehen, bei dem sich Besucher über die NS-Vergangenheit der Stadt auch ganz konkret anhand von Personen, Straßen oder Wohnvierteln hätten informieren können.[7] Wie Wojak kürzlich in einem Vortrag dargelegt hat, steht sie zudem einer einseitigen Fixierung auf eine „negative Erinnerungskultur“ kritisch gegenüber und fordert, bei der Darstellung der NS-Geschichte in Museen und Gedenkstätten den Blickwinkel der Opfer und Überlebenden didaktisch klar in den Mittelpunkt zu stellen.[8]

Wojaks Posten übernahm 2012 Winfried Nerdinger, der bereits Ende der achtziger Jahre an einer Initiative für die Errichtung des Zentrums beteiligt gewesen war. Der TU-Architekturgeschichts-Emeritus wurde vom LMU-Zeitgeschichts-Emeritus Hans Günter Hockerts sowie dessen professoralen Fachkollegen Marita Krauss und Peter Longerich bei der Ausarbeitung eines neuen inhaltlichen Konzepts unterstützt. Wie zu erwarten, legte das renommierte Quartett bereits im Februar 2012 dem Kulturausschuss des Münchener Stadtrats ein 23-seitiges Exposé vor, das auf einem soliden geschichtswissenschaftlichen Fachfundament fußte.[9] Die ausstellungsdidaktischen Qualitäten der neuen Konzeption standen allerdings trotz des Zuspruchs im Stadtrat in der medialen Öffentlichkeit im Kreuzfeuer. So monierte der Publizist Martin Hecht, dass „der Akzent [..] ganz auf der Ereignisgeschichte“ liege: „Zeiträume werden an Zeiträume gefügt, ohne dass man es einmal wagte, gleichsam in die seelischen Abgründe dieser schönen Stadt hinabzusteigen.“[10] Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte wurde im „Spiegel“ gar mit den Worten zitiert, das neue Konzept habe den „Charakter einer reinen Materialsammlung“, bei dem eine „historische Verortung Münchens“ fehle.[11]

Auch bei der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums 2015 mischten sich in die mediale Zustimmung, auf die das neue Haus am Rand des Münchener Königsplatzes grundsätzlich stieß, weiterhin Zweifel an der Gestaltung der Dauerexposition. So konstatierte die Frankfurter Allgemeine, dass die über vier Stockwerke sich erstreckende Schau „an Nüchternheit kaum zu überbieten“ sei und mutmaßte angesichts solcher Bedenken, dass es „noch nicht abzusehen“ sei, ob „das Konzept der Ausstellung trägt“.[12] In der Süddeutschen Zeitung sah Sonja Zekri den Ausstellungsbesucher einer „eigenartig verkrampften, wenn auch aufschlussreichen Dynamik“ ausgesetzt – aber „je länger man dieses Spannungsverhältnis zwischen vergeblichen Neutralisierungsanstrengungen und Ort wirken lässt, desto mehr drängt sich die Frage auf, ob man das Dilemma nicht hätte produktiv nutzen können.“ Zekris eigene (und durchaus etwas eigenwillige) didaktische Conclusio lautete: „Die kontrollierte Konfrontation mit der Verführungskraft solcher Regimes, und sei es durch ihre Überwältigungsbauten, könnte möglicherweise mehr dazu beitragen, jungen Leuten die Anfälligkeit des Menschen vor Augen zu führen, als die solide, aber am Ende pädagogisch strangulierend eng geführte Ausstellung.“[13]

Wenngleich also die Vorstellungen über Alternativen in der Konzeptionen in unterschiedliche Richtungen wiesen, zeigte sich doch bei aller Divergenz eine gemeinsamer kritischer Grundton. Denn immer wieder neu in Frage gestellt wurde die nüchterne, wissenschaftsorientierte, fast ausschließlich auf kognitive Informationen setzende Machart der Dauerexposition, die mit dem kühlen Bauhaus-Stil des „weißen Würfels“ an der Barer Straße korreliert.

Am 30. Oktober 2015 erschien dann eine detaillierte Auseinandersetzungen mit der Konzeption der Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum in dem virtuellen Geschichtsfachportal „H-Soz-Kult“. Verfasst hatte sie die IfZ-Mitarbeiterin und Kuratorin der Dokumentation Obersalzberg, Sylvia Necker.[14] Mit deutlichen Worten kritisierte sie, dass es im sich Dokuzentrum „leider um eine Tafelausstellung“ handele, „auch wenn sich die Präsentationsformen in Museen bis ins 21. Jahrhundert doch merklich und aus guten didaktischen Gründen ausdifferenziert haben.“

Sicherlich ist diese methodische Reduktion allein schon problematisch, doch ist zu Neckers Kritik noch hinzufügen, dass die Eintönigkeit der Ausstellungsgestaltung noch dadurch erhöht wird, dass in der Hauptsache nur zwei unterschiedliche Gestaltungselemente verwendet werden: die 32 vertikalen durchnummerierten Leuchttafeln, aus denen sich der Hauptinformationsfaden der Ausstellung ergibt, sowie die mit zweistelligen Dezimalgliederungsnummern versehenen horizontalen Leuchttische, an denen vertiefende Informationen zusammengestellt sind. Wenngleich dieses Gestaltungsprinzip für sich betrachtet schlüssig erscheint, muss es den Besucher fast zwangsläufig ermüden, wenn es unverändert über vier Stockwerke Anwendung findet. Zur Auflockerung hätte sich beispielsweise eine Integration von interaktiven Recherchemöglichkeiten angeboten, die jedoch stattdessen in Bibliotheksraum der zweiten Tiefebene separat platziert sind.

In der gegenwärtigen Ausstellungslinie wird der Besucher so dazu angeleitet, ohne Verweilmöglichkeit die dokumentaristisch dargebotenen Informationen in einem Zug binnen ca. zwei Stunden aufzunehmen. Die „Auseinandersetzung mit den Tätern sowie deren Handlungen und Motiven“, die Winfried Nerdinger zufolge die „inhaltliche Basis des NS-Dokumentationszentrums“ bilden sollen,[15] dürfte so aber wohl letztlich dem Leser des 624 Seiten starken Katalogs, der die Ausstellungsexponate und -texte bis auf die filmischen Elemente vollständig wiedergibt, deutlich leichter fallen, als einem an Tafeln und Tischen stehend lesenden Besucher vor Ort. Lediglich das auch von Necker positiv gewürdigte Konzept des Media-Guides eröffnet eine Möglichkeit, den Rundgang durch individuell gewählte Themenschwerpunkte und Vertiefungen abwechslungsreicher zu gestalten.

Auf eine andere Möglichkeit der Durchbrechung des nüchternen Dokumentationsstils hat das Zentrum bewusst verzichtet – vergeblich sucht man nach der für Museumsausstellungen sonst methodisch essenziellen Präsentation von Originalobjekten. Sylvia Necker sieht darin eine „problematische Seite der konstitutiven Fassung des Zentrums als ‚Dokumentation‘“. Direktor Nerdinger hat diese Entscheidung hingegen nachdrücklich als notwendigen Kunstgriff verteidigt. So schrieb er im Vorwort des Ausstellungskatalogs, es verbiete sich bei „einer Dokumentation über Täter an einem Täterort“ eine „Ästhetisierung und Auratisierung“ durch Originalobjekte „ebenso wie jede Form von Einfühlung beziehungsweise Emotionalisierung“. Schließlich sei das Ziel „eine objektivierte Kontextualisierung und evidente Vermittlung historischer Zusammenhänge.“[16]

Eine derartige „Polarisierung“ von Gedenkstättenaufgaben, bei denen Täterorte sich allein der kognitiven Wissensvermittlung verschreiben, wies Habbo Knoch kürzlich allerdings als „unnötig“ und „seit Langem überholt“ zurück.[17] Und auf jeden Fall ist der Preis für eine derartige Beschränkung auf Reproduktionen recht hoch. Nicht nur die Ausstellungsgrafik wirkt, wie Necker anmerkt, „stylish und artifiziell“ – im Grunde hinterlässt die ganze Ausstellung aufgrund ihres streng dokumentarischen Charakters beim Betrachter einen sterilen Eindruck. Dem hätte mit einer sorgsamen Einbettung von ausgewählten Original-Schaustücken sicherlich recht leicht entgegengewirkt werden können.

Leider wird auch mit den Möglichkeiten einer vertiefenden Veranschaulichung, die über die Präsentation von Dokumenten-Reproduktionen auf den Leuchttischen hinaus geht, äußerst sparsam umgegangen. Dennoch gibt es hierzu gelungene Beispiele, wie etwa die Vorführung von Filmszenen zum historischen Ort des Königsplatzes auf Großbildschirmen. Sie sind an den Fenstern so platziert, dass sie dem Betrachter einen vergleichenden Ausblick auf den historischen Ort in der Gegenwart ermöglichen.

Die Problematik der Ausstellung ergibt sich aus didaktischer Sicht aber nicht allein aus der Art der Präsentation, sondern auch aus der schieren Menge der dargebotenen Informationen. Sylvia Necker zufolge handelt es sich um eine „Dokumentendichte, die zwar den Anspruch auf Vollständigkeit unterstreicht, jedoch keine Zwischenräume für eigene Reflexion zum Thema lässt.“ Der Betrachter sehe sich angesichts der Menge von Stelen und Tischen einer „enormen Dokumentenflut“ ausgesetzt – Necker spricht hierbei auch nicht unzutreffend von der möglicherweise entstehenden „Anmutung, es handele sich bei der Ausstellung eigentlich um ein Buch“. Gerade für junge Besucher dürfte dieser Eindruck eher eine Hürde sein, sich mit der Materie der Ausstellung tiefergehend beschäftigen zu wollen. Und selbst wenn diese Hürde überwunden wird, besteht, wie sogar die Leiterin des Wissenschaftlichen Beirats des Dokuzentrums, Merith Niehuss, einräumte, die Gefahr eines Informations-Overkills – so habe der Ausstellungsbesuch eine Gruppe internationaler Studierender beispielsweise nach zwei Stunden ans „Ende ihrer Kräfte“ gebracht.[18]

An diesen Befund einer problematischen Informationsfülle knüpft schließlich ein noch tiefgreifender Kritikpunkt von Sylvia Necker an, der auch bereits bei den Einwänden von Hecht und Zarusky zum Ausstellungskonzept 2012 anklang: Schmerzlich vermisst würden klare „Kernaussagen“ in der Ausstellung – vielmehr sei festzustellen, dass die Kuratoren dem Besucher „keine These präsentieren möchten“. Dies ist für Necker ein Kardinalfehler: „Die Zuspitzung der mit einer solchen Dokumentation bezweckten Grundaussage auf der einen Seite sowie eine Durchdringung und Vertiefung der Themen auch durch die Gestaltung auf der anderen Seite gehören aus Sicht der Rezensentin allerdings zu den wichtigsten Aufgaben einer Ausstellung.“ Hätte man diesen Ratschlag der Obersalzberg-Kuratorin beherzigt, könnte das Dokuzentrum dem Besucher statt einer im wortwörtlichen Sinne erschöpfenden Betrachtung des Themas eine Orientierung mithilfe von Leitthesen anbieten, auf deren Basis auch Besucher mit geringen historischen Vorkenntnissen leichter zu eigener Reflexion animiert würden.

 

Wie eingangs gezeigt, hat das NS-Dokumentationszentrum in München eine überaus problematische Entstehungsgeschichte hinter sich, die die Einrichtung bis heute nachdrücklich prägt. Sowohl die umstrittene Architektur des auffälligen „weißen Würfels“, mit dem die Stadt die Beschäftigung mit ihrer NS-Geschichte nach jahrelangem Aufschub schließlich betont kontrastreich selbst inszeniert hat, als auch die museumsdidaktisch eigenwillig aus der Zeit gefallene dokumentaristische Dauerausstellung, die maßgeblich auf den zweiten Gründungsdirektor Winfried Nerdinger und sein fachhistorisches Beratertrio um Hans Günter Hockerts zurückgeht, wären andernorts, ohne die spezifischen geschichtspolitischen Münchner Konfliktlagen, kaum denkbar gewesen.

Der gute Besucherzuspruch im ersten Jahr seines Bestehens bestätigt zunächst aber einmal, dass trotz aller Geburtswehen eine erinnerungskulturelle Einrichtung, die sich mit der NS-Geschichte der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ vertieft auseinandersetzt, einen lange vermissten Lückenschluss in der Münchner Museumslandschaft darstellt. Die folgenden Jahre werden allerdings zeigen, ob das Dokuzentrum auch mit einer Dauerausstellung, die in ihrer Wissenschaftsorientierung und kühlen Sachlichkeit an Formen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aus den 1960er Jahren angelehnt scheint, dennoch ihren Platz in der städtischen Erinnerungskultur des 21. Jahrhunderts behaupten kann.

Insbesondere erscheinen Zweifel daran verständlich, ob das Haus seinem Selbstanspruch dauerhaft gerecht werden kann, nicht nur ein Erinnerungsort zu sein, sondern gerade auch als Lernort für Schulklassen und junge Besuchergruppen zu dienen. Deshalb würde es nicht verwundern, wenn nach der 2018 ausklingenden „Ära Nerdinger“ dem NS-Dokumentationszentrum alsbald eine umfangreichere Umgestaltung seiner Dauerausstellung bevorsteht, mit der dann schließlich auch im geschichtspolitisch traditionell konservativ geprägten München doch noch der Anschluss an die Museumsdidaktik der Gegenwart vollzogen wird.

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. z.B. NS-Dokumentationszentrum verzeichnet 220000 Besucher, in: Die Welt vom 28.4.2016, http://www.welt.de/regionales/bayern/article154856794/NS-Dokumentationszentrum-verzeichnet-220-000-Besucher.html.

[2] Ein Jahr NS-Dokumentationszentrum München: Bilanz und Ausblick (28.4.2016), http://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de/fileadmin/user_upload/08_presse/pdf/NSDoku_PM_1._Jahr.pdf.

[3] Alfons Pieper: NS-Dokumentationszentrum: Schon 220000 Besucher in einem Jahr, in: Blog der Republik 14.4. 2016, http://www.blog-der-republik.de/ns-dokumentationszentrum-in-muenchen-schon-220000-besucher-in-einem-jahr/.

[4] Sven Felix Kellerhoff: So ruiniert Architektur den Willen zur Aufklärung, in: Die Welt 29.4.2015, http://welt.de/140290785.

[5] Till Briegleb: Sofort wieder abreißen! In: Art – Das Kunstmagazin, 12.2.2014, http://www.art-magazin.de/architektur/sofort-wieder-abreissen/12070-rtkl-folge-1-ns-dokumentationszentrum-muenchen-sofort.

[6] Franz Kotteder: Heftiger Streit um ein Kürzel, in: SZ 31.3.2011, http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ns-dokumentationszentrum-muenchen-heftiger-streit-um-ein-kuerzel-1.1079977.

[7] Vgl. Martin Hecht: Lektionen in Glas und Beton, Der Tagesspiegel 11.10.2102, http://www.tagesspiegel.de/kultur/lektionen-in-glas-und-beton/7238734.html.

[8] Stefan Hemler: Irmtrud Wojak oder ein Plädoyer wider die „negative Erinnerungskultur“, in: renad-Blog 1.5.2016, http://renad.de/allgemein/irmtrud-wojak-oder-ein-plaedoyer-wider-die-negative-erinnerungskultur.

[9] Hans Günter Hockerts, Marita Krauss, Winfried Nerdinger u. Peter Longerich: Ausstellungskonzept NS-Dokumentationszentrum München. Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus, https://www.ris-muenchen.de/RII/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/2586522.pdf.

[10] Martin Hecht: Die Stadt, das Bier und der Hass, in: Die Zeit 13.9.2012, http://www.zeit.de/2012/38/Muenchen-NS-Dokumentationszentrum.

[11] Felix Bohr u. Conny Neumann: „Museale Verpackung einer unbequemen Wahrheit“, in: Der Spiegel 17.11.2012, http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kritik-an-ns-dokumentationszentrum-muenchen-a-867230.html.

[12] Hannes Hintermeier: Ein weißes Haus für die braune Vergangenheit, in: FAZ 30.4.2015, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/das-neue-ns-dokumentationszentrum-eroeffnet-in-muenchen-13566344.html.

[13] Sonja Zekri, Am Tatort, in: SZ 30.4.2015, http://www.sueddeutsche.de/kultur/ns-dokumentationszentrum-in-muenchen-am-tatort-1.2458857.

[14] Sylvia Necker: Ausstellungsrezension zur Dauerausstellung “München und der Nationalsozialismus” im NS-Dokumentationszentrum München, in: H-Soz-Kult, 31.10.2015, http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-222.
Eine ausführliche, ebenso luzide wie kritische Betrachtung der Ausstellung, verbunden mit Überlegungen zu konfessionshistorischen Aspekten, ist kürzlich auch in der Zeitschrift theologie.geschichte erschienen: Antonia Leugers: Ein Jahr Dauerausstellung im NS-Dokumentationszentrum München. Eine kritische Bilanz, in: theologie.geschichte 11 (2016), http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/view/835/879.

[15] Winfried Nerdinger: Einführung, in: Ders. (Hg.): München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums München, München 2015, S. 9-12, hier S. 11.

[16] Nerdinger, Einführung (wie Anm. 15), S. 11.

[17] Habbo Knoch: Rezension zu: Nerdinger, Winfried (Hg.): München und der Nationalsozialismus, München 2015, in: H-Soz-Kult 17.2.2016, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24370.

[18] Lernort mit Vergangenheit. Interview mit der Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats Prof. Niehuss, in: Akademie-Report (hg. v. Akademie für politische Bildung Tutzing) 3/2015, S. 30f, hier S. 31. Niehuss hält deswegen es für nötig, „Lehrkräfte genau darauf hinzuweisen, wo sie Schwerpunkte für ihre Schulklassen setzen können“ (ebd.). Hingegen schrieb Winfried Nerdinger in einer mutmaßliche „gravierende Fehler und Unwahrheiten“ zurückweisenden scharfen Replik auf Sylvia Neckers Rezension, die Dauerausstellung sei erfolgreich „mit einer Vielzahl von Jugendlichen der verschiedenen Altersgruppen und Schularten vorab erprobt“ worden (Replik: W. Nerdinger zu S. Necker: München und der Nationalsozialismus, in: H-Soz-Kult, 20.11.2015; http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-222).

 

Die in den Text eingebundenen Bildtweets wurden von mir anlässlich eines Rundgangs im NS-Dokumentationszentrum München am 26./27.7.2015 getwittert. Alle Bildtweets zu diesem Ausstellungsbesuch finden sich unter #NSDokuzentrum und #HistBav.

Dieser Blogbeitrag wurde erstmals am 22.5.2016 im Blog „Geschichte Bayerns“ veröffentlicht (https://histbav.hypotheses.org/4675).

 

 

Irmtrud Wojak oder ein Plädoyer wider die „negative Erinnerungskultur“

Am 28. April hielt Irmtrud Wojak einen interessanten und diskussionswürdigen Vortrag im Stemmerhof in München. Sie referierte dort auf Einladung der Sendlinger Grünen über das Thema „Fritz Bauer oder die Pflicht zum Ungehorsam“, stellte ihr Thema aber zugleich auch in den Kontext der gegenwärtigen Erinnerungskultur.

Wojak hat 2009 eine in erster und kürzlich nun in zweiter Auflage erschienene Biographie über den als Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz M. Bauer verfasst (1). Als Ermittler und Ankläger schrieb Bauer in den 1960er Jahren während der Frankfurter Auschwitz-Prozesse bundesrepublikanische Justizgeschichte. Die habilitierte Historikerin Wojak war 2009-2011 in München Gründungsdirektorin des gegen ihren Willen so benannten „NS-Dokumentatonszentrums“ gewesen, hatte aber aufgrund von konzeptionellen Differenzen ihren Posten verloren und wurde schließlich durch den bis heute amtierenden TU-Architekturgeschichtsemeritus Winfried Nerdinger ersetzt (2).


Insofern entbehrte es nicht einer gewissen Brisanz, dass Irmtrud Wojak in ihrem Vortrag kurz vor dem ersten Jahrestag der Eröffnung des NS-Dokuzentrums nachdrücklich die „negative Erinnerungskultur“ kritisierte, die in Bezug auf die Jahre 1933-45 vorherrsche. Nötig sei Wojak zufolge vielmehr, sich „das Narrativ der Opfer zu eigen zu machen“ – sie verwies in diesem Zusammenhang auch auf Fritz Bauers Ideen über eine Beschäftigung mit der historischen Vergangenheit, die ihm zufolge zum „Urgrund des Fühlens“ und der Liebe leiten solle. In diesem Sinne habe sich die Geschichtsvermittlung der NS-Zeit in Museen und Ausstellung klar auf die Seite der Opfer und Überlebenden zu stellen und gegen die Täter zu positionieren, anstatt sich neutral-sachlich auf multiperspektivische Geschichtsdarstellung einzulassen.

Während der angeregten Diskussion im Anschluss an ihren Vortrag warnte Wojak vor der Gefahr, bei einem einseitigen Fokus auf das „Erinnern des Bösen“ letztlich ungewollt dem Rechtsextremismus zuzuarbeiten. So zeigten beispielsweise Erfahrungen mit Jugendgruppen bei Besuchen der Gedenkstätte in Auschwitz, dass eine geballte Konfrontation mit der Tätergeschichte eher Verdrängungswünsche aufkommen lassen könne. Hingegen wecke die Möglichkeit, sich auch positiv mit Opfer- und Widerstandsgeschichte zu befassen, zumeist nachhaltig das historische Interesse für die Geschichte des Holocaust bei Jugendlichen.


Zu dem Münchner Vortrags- und Diskussionsabend wurde unter #FritzBauer getwittert (3). Informationen zu Irmtrud Wojaks erinnerungskulturellen Ideen finden sich auf der Homepage eines von ihr geleiteten Projekts, der Buxus-Stiftung, in deren Rahmen die Gründung eines nach Fritz M. Bauer benannte „FMB-Kollegs“ geplant ist (4).

Anmerkungen:
1. Irmtrud Wojak, Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie, München 2009 (1.Aufl), 2016 (2. Aufl.)
2. Martin Hecht, Lektionen in Glas und Beton, in: Tagesspiegel 11.10.2012, http://www.tagesspiegel.de/kultur/lektionen-in-glas-und-beton/7238734.html
3. Alle Tweets sind direkt auch auf der folgender Seite abrufbar: https://twitter.com/Muenchen1968
4. http://www.buxus-stiftung.de/index.php/de/

Auch in München: „Mein Kampf“ sells again

Die neue „Mein Kampf“-Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) verkauft gut – so gut, dass der Verlag mit dem Drucken kaum hinterherkommt. Bei Amazon versuchen unterdesse Zwischenhändler ihr Gschäftle mit ungeduldigen Kunden zu machen und bieten die opulente 2000-Seiten-Ausgabe nicht für 59 Euro an, sondern gleich für die vierfache Summe.


Insofern war der große Andrang nicht überraschend bei einer kürzlich veranstalteten Diskussionsrunde, zu der der sonst eher in überschaubarerem Rahmen tagende „Kompetenzverbundes historische Wissenschaften München“ aus Anlass der Edition in die Bayerische Akademie der Wissenschaften eingeladen hatte. Zum Thema „Hitler und der Nationalsozialismus. Eine aktuelle Forschungsbilanz“ diskutierten am 2. Februar die Historiker Christian Hartmann, Peter Longerich, Wolfram Pyta und Volker Ullrich unter Leitung von des IfZ-Direktors Andreas Wirsching so im mit mehreren Hundert Zuhörern vollbesetzten Plenarsaal der Akademie.
Anders als vielleicht von einem Gutteil des Publikums vermutet, ging es dabei aber weniger um die „Mein Kampf“-Edition des IfZ. Lediglich Peter Longerich stellte en passant den Sinn der dickleibigen Edition in Frage: Ob man denn nicht besser auch eine Interpretation des Textes dem Leser mit an die Hand hätte geben sollen, anstatt sich auf einen umfangreichen Anmerkungsapparat zu beschränken, hakte er nach. Doch Mit-Herausgeber Christian Hartmann verteidigte das Vorgehen klassisch-zunftgemäß mit dem Hinweis, dass auch im Falle von „Mein Kampf“ „die Quelle im Mittelpunkt“ der Edition habe stehen sollen. Dem Quellentext habe sich das IfZ bewusst „unterworfen“ und deshalb auf die Beigabe einer eigenen Synthese verzichtet.
Ansonsten dominierte an dem Abend vor allem das kritische Abwägen bekannter Forschungspositionen zur Bedeutung der Person Hitlers für den Nationalsozialismus: Auf der einen Seite betonte Longerich die großen Handlungsspielräumen Hitlers in seiner Rolle als „starker Diktator“. Auf der anderen Seite strich Volker Ullrich heraus, dass das NS-System auch deswegen funktionierte, weil die Bereitschaft, dem „Führer entgegenzuarbeiten“ so weit verbreitet war. Auch beim Blick auf die politischen Anfänge Hitlers in München wollte er, anders als Hartmann, weniger die besondere „Führer“-Persönlichkeit hervorheben als vielmehr das Versagen des urbanen Umfelds: Hitler sei ein „echtes Münchner Phänomen“ gewesen – „in keiner anderen deutschen Großstadt“ hätte er so leicht seine Karriere starten können.


Wolfram Pyta nutzte den Abend vor allem, um seine These vom Künstler-Herrscher Hitler in der aktuellen Forschungsdebatte nachdrücklich zu verankern. Angesichts seines Fokus auf performativ-ästhetische Herrschaftskomponenten war es so nur konsequent, dass er als wichtiges Desiderat am Ende der Veranstaltung eine neue wissenschaftliche Edition der Reden Hitlers anmahnte. Dass bei einem solchen Vorhaben abermals das Institut für Zeitgeschichte die Federführung übernehmen könnte, stellte Andreas Wirsching allerdings postwendend in Frage.
Tweets zu dem Diskussionsabend finden sich auf meinem Twitter-Account (https://twitter.com/Muenchen1968) sowie den Hashtags ‪#‎Hitler‬ und ‪#‎NS‬. Ein Podcast des Bayerischen Rundfunks, für den Ulrich Chaussy auf B2 über den Abend berichtet und dabei in seinem Beitrag auch Mitschnitte aus der Diskussion wiedergeben hat, öffnet sich unter folgendem Link:
http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/hitler-und-der-ns-eine-aktuelle-forschungsbilanz-100.html

Claudia Roth – Keine Macht für Niemand

Pressefoto-Claudia-Roth-201DEUTSCHLAND, DEINE DEUTSCHEN (9)

Ich mag Claudia Roth, obwohl mich ihre Partei oft furchtbar nervt. Was sie sagt gefällt mir oft, die hartnäckige Leichtigkeit mit der sie ihre Postitionen vertritt, fast immer.

Liest man ihre Wiki-Biografie mit ein wenig Kontextwissen, zeigt sich ein kunterbuntes Leben – und zugleich eine beruflich-politische Karriere, wie sie heute, ganz unabhängig vom Geschlecht, in unserer ordentlichen Republik kaum noch möglich wäre.

Mit Abitur und zwei Semestern Theaterwissenschaften in München, gefolgt von kurzen Dramaturgie-Assistenzen in Memmingen und Dortmund, wird Claudia Roth Dramaturgin bei der Experimentaltheater-Truppe „Hoffmanns Comic Teater“ in Unna.

Dort kreuzen sich ihre Wege mit Rio Reiser, der 1976 an einer Struwwelpeter-Aufführung mitwirkt. Rio Reiser ist bekennender Homosexueller und als Kopf der Politrockband „Ton Steine Scherben“ Mitte der westdeutschen Siebziger musikalisches Sprachrohr der Linksalternativen und Hausbesetzer-Szene („Keine Macht für Niemand“). https://www.youtube.com/watch?v=zOW6w-MFKNg

1982 wird die exkatholische schwäbische Zahnartzttocher Managerin der Band und zieht zu ihrem Freund, dem Keyboarder Martin Paul, und Rio Reiser in die Band-Kommune in Nordfriesland. 1985 sind „Ton Steine Scherben“ pleite, die Band löst sich auf.

Zwar fällt eine wie Claudia Roth, mittlerweile 30 und noch immer ohne das, was man heute berufliche Qualifikation nennt, so auch einmal hin. Aber sie steht sofort wieder auf. Sie wird kein Sozialfall – wer mit den verrücktesten Anarchisten der Republik klargekommen ist, übersteht auch die Gründungswehen einer neuen Partei schadlos. Noch im Jahr der Bandpleite wird sie Pressesprecherin der Bundestagsfraktion der Gruenen (1985-1989).

1989 wird Claudia Roth ins Europäische Parlament gewählt, ist dort von 1994-1998 sogar Fraktionsvorsitzende der Grünen. 1998 wird sie über die bayerische Landesliste erstmals in den Bundestag gewählt, doch die drei Ministerposten in Deutschlands erster rot-grüner Regierung gehen an Joschka Fischer, Jürgen Trittin und Renate Künast. Zwar fallen diese drei bei der nächsten Wahl um den Parteivorsitz infolge einer absurd radikalen Trennung von Amt und Mandat als Wettbewerber aus – aber Claudia Roth muss nach ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden Ende März 2001 ihr Bundestagsmandat niederlegen. Es gelingt ihr auch als Parteivorsitzende zunächst nicht, die Trennungsregelung parteiintern zu entschärfen. Konsequent entscheidet sie sich für ihr Bundestagsmandat und tritt im Dezember 2002 nicht erneut für den Parteivorsitz an.

Auch 2002 hatte Schröder hat immer noch keinen Platz am Kabinettstisch, aber immerhin lockerten die Grünen nun ihre Mandatsreglung. Von 2004 bis 2013 führte sie so zusammen mit wechselnden Co-Vorsitzenden die grüne Partei – und der deutsche Bundestag blieb ihre Bühne. Seit 2013 ist Claudia Roth eine der Vizepräsidentinnen des Deutschen Bundestages.

Dass Claudia Roth nicht auch noch Ministerin geworden ist, liegt ausgerechnet an der noch merkwürdigeren Karriere einer Pfarrerstochter aus der Uckermarck. An Angela Merkel, die seit 2005 einen Wahlsieg nach dem anderen einfährt. Als Claudia Roth sich 1984 noch ganz praktisch auf der Suche nach einem wirklich alternativen Lebenentwurf befand, schrieb Angela Merkel an ihrer (komplett lebensfernen) Doktorarbeit – und diskutierte in ihrer FDJ-Gruppe an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften intensiv über Agitation und Progaganda. Fünf Jahre später war sie bereits „Kohls Mädchen“ und wirkte am Rande bereits am Einigungsvertrag mit.

Was hätte aus Claudia Roth noch alles werden können? Was aus unserem Land, wenn sich Angela Merkel auch ein paar Jahre freie Liebe mit bekifften Punkrockern in den Dünen an der Ostsee gegönnt hätte? Luftlinie sind es vom nordfriesischen Fresenhagen bis nach Nordvorpommern gerade mal 350 Kilometer. Doch „Claudia Merkel“ wird leider für immer ein Blogger-Traum bleiben. Die Wende kam einfach zu spät.

ZEITUNGSAUSTRÄGER SIND LEISTUNGSTRÄGER!

Mittelwertig verdient ein Zeitungszusteller 2015 rund 1.000 EUR weniger als ihm zustünde, würde auch für ihn oder sie der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 EUR gelten.

Mittelwertig verdient ein Zeitungszusteller 2015 rund 1.000 EUR weniger als ihm zustünde, wenn auch für ihn oder sie der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 EUR bereits gelten würde. Foto: verdi

Zeitungsausträger gehören meines Erachtens zu den Leistungsträger eines Zeitungsverlages. Trügen sie nicht bei Wind und Wetter frühmorgens die druckfrische Zeitung zuverlässig bis an den Briefkasten, würde heutzutage kein Mensch mehr eine Tageszeitung abonnieren – völlig egal was drinsteht. Ich weiß ganz genau wovon ich spreche, meine Mutter hat über vierzig Jahre die Badische Zeitung ausgetragen.

Trotzdem ist es der Verlegerlobby in der Diskussion um den Mindestlohn gelungen, ausgerechnet für diese Berufsgruppe eine nachteilige Ausnahmeregelung durchzusetzen. Statt einem Mindestlohn von 8,50 EUR erhalten auch erwachsene Zeitungszusteller (und Austräger von Anzeigenblättern mit redaktionellem Inhalt) bis Ende 2015 lediglich 6,38 EUR (75% von 8,50 EUR) und 2016 nur 7,23 (85% von 8,50 EUR). Erst ab 2017 erhalten Zeitungszusteller den für fast alle anderen Branchen bereits für 2015 gültigen gesetzlichen Mindestlohn. Sollte bis dahin die Mindestlohnkommission den Mindestlohn allerdings bereits erhöht haben, wird diese Erhöhung für Zeitungszusteller wiederum erst 2018 wirksam. Konkret bedeutet das, dass Zeitungszusteller mindestens weitere zwei Jahre unterhalb des gesetzlichen Mindestlohn bezahlt werden. Meiner Meinung nach ist das eine bodenlose Sauerei!

Faktisch steht euer Tageszeitungsausträger sechs Mal in der Woche um 4 Uhr für euch auf, schwingt sich gegen 4.30 Uhr bei jedem Sauwetter auf sein Fahrrad (oder nutzt auf eigene Kosten seinen PKW), fährt zum Distributionspunkt, lädt seine Zeitungspakete (und wenn er Pech hat noch ein paar Bündel nicht eingeschossene Beilagen) ein und macht sich schwer beladen auf in sein Verteilgebiet. Wir dürfen annehmen, dass seine oder ihre Arbeitszeit trotzdem erst beginnt, wenn er den ersten Briefkasten erreicht hat. Zwischen 4.45 – 6.15 Uhr steckte er oder sie – je nach Gebiet und Abodichte – zwischen 60 – 180 Zeitungen in Briefkästen und Zeitungsrollen. Im Winter ist der Zeitungsausträger zudem die ärmste Sau, er oder sie ist fast immer vor dem ersten Streudienst unterwegs.

Rechnen wir mal gegen was er oder sie aktuell dafür bekommt: 26 Tage x 1,5 Stunden x 6,38 EUR = 248,82 EUR! Das sind mittelwertig 9,57 EUR pro Einsatz. Für um 4.00 Uhr für uns aufstehen und um 6.30 Uhr wieder heimkommen. Gälte der Mindestlohn bereits , wären es übrigens auch nur 12,75 EUR – und ich gehe jede Wette ein, dass dafür kaum einer von uns auch nur um 4.00 Uhr aufstehen will.

Auf diese Weise spart der Verlag, bzw. meist dessen längst ausgegliederte Vertriebseinheit, dieses Jahr pro Monat und Austräger 82,68 EUR ein, was sich über das Jahr mithin auf fast 1.000 EUR pro Austräger summiert.

Oder, um es konkret zu sagen: Jeder Zeitungsausträger wird dieses Jahr von seinem Arbeitgeber um fast 1.000 EUR beschissen. Einfach weil ein paar Dutzend Tageszeitungsverleger für Politiker so viel wichtiger sind, als Hundertausende von anständigen Menschen, deren Wecker morgen früh wieder um 4.00 Uhr für uns klingelt.

DAS mußte ich jetzt auf jeden Fall mal loswerden.

Effektiv gegen das schlechte Gewissen hilft derzeit nur ein gelegentlicher Zehner Trinkgeld. Meine Mutter hat sich über solche Zeichen persönlicher Wertschätzung immer besonders gefreut.


Erstveröffentlicht am 26.04.2015 / mas
werra-meissner-dreist.de – news aus dem wmk – aktuell, kritisch, anspruchsvoll
ZEITUNGSAUSTRÄGER SIND LEISTUNGSTRÄGER!

Heinrich Böll – In Bonn verlief immer alles anders …

DEUTSCHLAND, DEINE DEUTSCHEN (8)

Heinrich Böll 1981

Heinrich Böll 1981, Foto: Bundesarchiv.

Heinrich Böll (geb. 1917 in Köln, gest. 1985 Kreuzau), deutscher Schriftsteller, ist für mich persönlich (Jahrgang 1966) der bedeutendste Autor der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit. Kaum ein Schriftsteller war auf seinem Zenit aktueller politisch – und Böll ist vermutlich deswegen, kaum verstorben, schnell in Vergessenheit geraten. In meiner subjektiven Reihe der bedeutenden Deutschen gebührt Heinrich Böll um so mehr ein Ehrenplatz.

Maßgeblich für den seinerzeit von Marcel Reich-Ranicki in der ZEIT übel verrissenen Roman „Gruppenbild mit Dame“(„Noch nie hat ein deutscher Klassiker so schlampig geschrieben wie diesmal Heinrich Böll“) erhielt Böll 1972 den Literatur-Nobelpreis.

Meinen ersten Böll, die „Ansichten eines Clowns“, schenkte mir Monika Goetsch (Journalistin und Autorin) im Dezember 1985, kurz nach Bölls Tod, zu Weihnachten (Danke!). Ich verschlang die tragische Geschichte vom Scheitern des so merkwürdig deutschen Mannes Hans Schnier binnen Stunden.

Böll hat mich daraufhin einige Jahre nicht mehr losgelassen, obwohl das Deutschland, das er in seinen Büchern beschrieb, für uns Spätbundesrepublikaner bereits wieder Geschichte war. Aber dem politisch Interessierten erschloss sich dank Böll diese merkwürdig katholische Bonner Nachkriegsrepublik ebenso, wie das Mienenfeld der bundesdeutschen 1970er Jahre zwischen RAF und Strauß.

Zu Ehren seiner Verdienste um die deutsche Friedensbewegung benannten die Grünen ihre politische Stiftung nach Heinrich Böll.