Claudia Roth – Keine Macht für Niemand

Pressefoto-Claudia-Roth-201DEUTSCHLAND, DEINE DEUTSCHEN (9)

Ich mag Claudia Roth, obwohl mich ihre Partei oft furchtbar nervt. Was sie sagt gefällt mir oft, die hartnäckige Leichtigkeit mit der sie ihre Postitionen vertritt, fast immer.

Liest man ihre Wiki-Biografie mit ein wenig Kontextwissen, zeigt sich ein kunterbuntes Leben – und zugleich eine beruflich-politische Karriere, wie sie heute, ganz unabhängig vom Geschlecht, in unserer ordentlichen Republik kaum noch möglich wäre.

Mit Abitur und zwei Semestern Theaterwissenschaften in München, gefolgt von kurzen Dramaturgie-Assistenzen in Memmingen und Dortmund, wird Claudia Roth Dramaturgin bei der Experimentaltheater-Truppe „Hoffmanns Comic Teater“ in Unna.

Dort kreuzen sich ihre Wege mit Rio Reiser, der 1976 an einer Struwwelpeter-Aufführung mitwirkt. Rio Reiser ist bekennender Homosexueller und als Kopf der Politrockband „Ton Steine Scherben“ Mitte der westdeutschen Siebziger musikalisches Sprachrohr der Linksalternativen und Hausbesetzer-Szene („Keine Macht für Niemand“). https://www.youtube.com/watch?v=zOW6w-MFKNg

1982 wird die exkatholische schwäbische Zahnartzttocher Managerin der Band und zieht zu ihrem Freund, dem Keyboarder Martin Paul, und Rio Reiser in die Band-Kommune in Nordfriesland. 1985 sind „Ton Steine Scherben“ pleite, die Band löst sich auf.

Zwar fällt eine wie Claudia Roth, mittlerweile 30 und noch immer ohne das, was man heute berufliche Qualifikation nennt, so auch einmal hin. Aber sie steht sofort wieder auf. Sie wird kein Sozialfall – wer mit den verrücktesten Anarchisten der Republik klargekommen ist, übersteht auch die Gründungswehen einer neuen Partei schadlos. Noch im Jahr der Bandpleite wird sie Pressesprecherin der Bundestagsfraktion der Gruenen (1985-1989).

1989 wird Claudia Roth ins Europäische Parlament gewählt, ist dort von 1994-1998 sogar Fraktionsvorsitzende der Grünen. 1998 wird sie über die bayerische Landesliste erstmals in den Bundestag gewählt, doch die drei Ministerposten in Deutschlands erster rot-grüner Regierung gehen an Joschka Fischer, Jürgen Trittin und Renate Künast. Zwar fallen diese drei bei der nächsten Wahl um den Parteivorsitz infolge einer absurd radikalen Trennung von Amt und Mandat als Wettbewerber aus – aber Claudia Roth muss nach ihrer Wahl zur Parteivorsitzenden Ende März 2001 ihr Bundestagsmandat niederlegen. Es gelingt ihr auch als Parteivorsitzende zunächst nicht, die Trennungsregelung parteiintern zu entschärfen. Konsequent entscheidet sie sich für ihr Bundestagsmandat und tritt im Dezember 2002 nicht erneut für den Parteivorsitz an.

Auch 2002 hatte Schröder hat immer noch keinen Platz am Kabinettstisch, aber immerhin lockerten die Grünen nun ihre Mandatsreglung. Von 2004 bis 2013 führte sie so zusammen mit wechselnden Co-Vorsitzenden die grüne Partei – und der deutsche Bundestag blieb ihre Bühne. Seit 2013 ist Claudia Roth eine der Vizepräsidentinnen des Deutschen Bundestages.

Dass Claudia Roth nicht auch noch Ministerin geworden ist, liegt ausgerechnet an der noch merkwürdigeren Karriere einer Pfarrerstochter aus der Uckermarck. An Angela Merkel, die seit 2005 einen Wahlsieg nach dem anderen einfährt. Als Claudia Roth sich 1984 noch ganz praktisch auf der Suche nach einem wirklich alternativen Lebenentwurf befand, schrieb Angela Merkel an ihrer (komplett lebensfernen) Doktorarbeit – und diskutierte in ihrer FDJ-Gruppe an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften intensiv über Agitation und Progaganda. Fünf Jahre später war sie bereits „Kohls Mädchen“ und wirkte am Rande bereits am Einigungsvertrag mit.

Was hätte aus Claudia Roth noch alles werden können? Was aus unserem Land, wenn sich Angela Merkel auch ein paar Jahre freie Liebe mit bekifften Punkrockern in den Dünen an der Ostsee gegönnt hätte? Luftlinie sind es vom nordfriesischen Fresenhagen bis nach Nordvorpommern gerade mal 350 Kilometer. Doch „Claudia Merkel“ wird leider für immer ein Blogger-Traum bleiben. Die Wende kam einfach zu spät.

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