Stachel im Fleisch der Meinungsfrisöre

Kasseler OB-Kandidat Kai Boeddinghaus beim Wahlkampfauftakt in Kassel.

Kasseler OB-Kandidat Kai Boeddinghaus beim Wahlkampfauftakt in Kassel.

Kassels OB-Kandidaten vorgestellt:
Kai Boeddinghaus, LINKE

Gewiss, Kai Boeddinghaus, der parteilose Kandidat der Kasseler Linken um das Amt des Kasseler Oberbürgermeisters, ist ein politisches Schandmaul. Ein Nestbeschmutzer mit Mandat und Akteneinsicht(sausschuss), ein feiner Polemiker an dem Tucholsky seine Freude gehabt hätte. Doof ist Kai Boeddinghaus, Inhaber eines Reisebüros und Geschäftsführer des Bundesverbandes der freien Kammern (BFFK),  bekannter als „IHK-Verweigerer“, zudem auf keinen Fall. Und gerade deshalb schmerzt er als Stachel im Fleisch der etablierten Kasseler Meinungsfrisöre von HNA bis SPD wie kein anderer. Grund genug, Kai Boeddinghaus zum Wahlkampf-Auftakt im alevitischen Zentrum live zu erleben.

Heimat der Linksdenkenden
Atmosphärisch spannend: Die Kasseler Linke hat offensichtlich dort weitergemacht, wo die SPD Mitte der Neunziger im Dauerzwist zwischen Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder als Volkspartei zu scheitern begann und später an Hartz IV zerbrach. Bei der Linken, so zeigt ein Blick ins bunt gemischte Publikum, scheinen all jene Linksdenkenden eine Heimat gefunden zu haben, die beim Ritt in die „politische Mitte“  (jenem geistleeren Ort jenseits von „Links“ und „Rechts“) nicht mitwollten. Alle sind sie da: Selbstbewusste Frauen, überzeugte Antikapitalisten, Atomkraft- und Stuttgart21-Gegener, Friedensbewegte, Multikulturalisten, Gewerkschafter, Studenten, selbst die SAV (Sozialistische Alternative Voran) gibt es noch. Schätzungsweise 400 Menschen  haben an diesem Abend in den Saal am Kasseler Stern gefunden. (So viele kommen heutzutage kaum freiwillig auf einen Bundesparteitag der SPD.)

Wahlkampf gegen die Schampustrinker-Clique
Und natürlich kommt Kai Boeddinghaus hier gut an, wenn er gegen die Kulturzelt-Subvention (300.000 EUR) und die „Schampustrinker-Clique um den sozialdemokratischen OB“ polemisiert oder Bertram Hilgen für sein „Huskies-Salzmann-Multifunktionstheater“ der Lächerlichkeit preisgibt. Recht hat er – bei aller pointierten Rhetorik – häufig auch noch – viel öfter jedenfalls, als es „der großen Koalition im Rathaus aus SPD-CDU-FDP-Grünen“ lieb sein dürfte: „Die Grünen machen jetzt nur vor der Wahl nicht mit“, so Boeddinghaus mit Blick auf das jüngste Salzmann-Veto der grünen Rathausfraktion, „nach der Wahl wollen sie wieder dabei sein.“  Wie wahr.

Prominente Unterstützung zum Wahlkampfauftakt: Linke-Bundesvorsitzende Gesine Lötzsch mit OB-Kandidat Kai Boeddinghaus.

Prominente Unterstützung zum Wahlkampfauftakt: Linke-Bundesvorsitzende Gesine Lötzsch mit OB-Kandidat Kai Boeddinghaus.

Nix Marx, nur Boeddinghaus
Im Kommunalpolitischen ist Boeddinghaus in seinem Element, kritisiert kenntnisreich die langjährige wie rechtswidrige Praxis der Budgetierung von Sozialleistungen,  schimpft wegen ungenutzter Millionen bei der Arbeitsförderung, fordert einen anderen Sozialdezernenten.

Doof ist Kai Boeddinghaus zudem auf keinen Fall (ich glaube, ich wiederhole mich) und lässt sich weder von HNA-Lokalchef Horst Seidenfaden noch von der an diesem Abend anwesenden Bundesvorsitzenden Gesine Lötzsch in eine (ohnehin bescheuerte)  Kommunismus-Debatte zerren. „Bei Marx bin ich“, gibt Boeddinghaus unumwunden zu, „nie über die dritte Seite hinausgekommen“. Jemandem der so herrlich polemisch das Kasseler Establishment angreift, die Fallstricke der großen politischen Debatten hingegen bauernschlau der angereisten Vorsitzenden überlässt,  lässt man solche Nichtigkeiten selbst im linken Lager klaglos durchgehen.

Hinweis: Wer hier einen Beitrag zur Kommunismus-Debatte um Gesine Lötzsch erwartete, den muss ich enttäuschen. Alternativ sei hier der offene Brief von Ralf Schuler empfohlen, wie er am 16.01.2011 unter dem Titel „Diesmal nicht mit mir“ in der FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) erschien. http://ralfschuler.wordpress.com

besserwisser / 29.01.2011

Salzmann an die Wand gefahren

Hinweis: Dieser Artikel wurde am 20.01.2011 auf www.justkassel.de erstveröffentlicht.

Nix Mehrzweckhalle oder Technisches Rathaus: Salzmann-Industriebrache in Kassel-Bettenhausen.

Nix Mehrzweckhalle oder Technisches Rathaus: Salzmann-Industriebrache in Kassel-Bettenhausen.

OB Hilgen scheitert mit Salzmann-Plänen
Das zeugt weder von Führungsstärke noch von Harmonie im Kasseler Rathaus: Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD) ist mit seinem Salzmann-Projekt gescheitert, wie er diese Woche gegenüber der Presse eingestand.  Gescheitert an Stadtbaurat Dr. Joachim Lohse, am Widerwillen der grünen Rathausfraktion – und wohl nicht zuletzt am eigenen Führungsstil. “Kasseler Chaostage” kommentierte die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine (HNA) prompt. Hilgen, angetreten die Stadt Kassel statt mit einer formellen Koalition lieber mit wechselnden Mehrheiten führen zu wollen, steht kurz vor der Oberbürgermeisterwahl  ganz offensichtlich ohne verlässliche Partner da.  Von der Kasseler Bürgerschaft will Hilgen am 27.03. trotzdem im Amt bestätigt werden. Die Bilanz der ersten Amtsperiode ist unter dem Strich jedoch keinesfalls berauschend.

Auf www.zukunftkassel.de bezieht Dennis Rossing Stellung zu den Vorgängen im Kasseler Rathaus.

Auf www.zukunftkassel.de bezieht Dennis Rossing Stellung zu den Vorgängen im Kasseler Rathaus.

Erst Huskies-Pleite, jetzt Salzmann-Fiasko
Investor Dennis Rossing jedenfalls kann seine ambitionierten Pläne für Kassel-Bettenhausen wohl begraben. Auf dem Salzmann-Gelände wird es, so der aktuelle Stand der Dinge,  weder eine Multifunktionshalle noch ein technisches Rathaus geben. Doch wer glaubt, Dennis Rossing habe nach der Huskies-Pleite und dem Salzmann-Fiasko nun endgültig die Nase voll von Kassel, liegt falsch. Zwar ist Rossing mit Blick auf die bis Dezember 2010 herrschende politische Einigkeit “maßlos enttäuscht”, hat aber seine Kasseler Pläne noch nicht aufgegeben. In bemerkenswerter Offenheit wendet sich Rossing unter www.zukunftkassel.de mit einer aktuellen Videobotschaft direkt an die Öffentlichkeit.

Kassel ist nicht umsonst so wie es ist, das dürfte jetzt auch Rossing verstanden haben. Doch offensichtlich sieht er noch Hoffnung für die Zeit nach dem Bürgermeisterwahlkampf.

Grüne: Kein Blanko-Scheck
Die Grünen, allen voran der mutige Fraktionsvorsitzende Gernot Rönz, mögen in der Sache ja vielleicht sogar recht haben. Anders als OB Hilgen wollten sie Rossing mit der Zusage, 13.000qm langfristig für ein technisches Rathaus anzumieten, keinen Blanko-Scheck zustecken. Der Stadt Kassel, dem Stadtteil Bettenhausen, der Salzmann-Industriebrache, den Huskies und letztlich auch ihrem eigenen Oberbürgermeister-Kandidaten Dr. Andreas Jürgens haben sie damit gewiss keinen Gefallen getan.

Die Qual der Wahl am 27.03.
Den schwarzen Peter haben jetzt die Wähler, die sich am 27.03. für einen der OB-Kandidaten entscheiden müssen: Den angeschlagenen Oberbürgermeister stärken oder einen der fünf Gegenkandidaten wählen? Einmal mehr haben die Bürger nun die Qual der Wahl. Doch dazu mehr in einem anderen Artikel.

besserwisser / 20.01.2001