Martin Luther – Reformator, Kirchenspalter und Germanist

DEUTSCHLAND, DEINE DEUTSCHEN (6)

luther_schillingMartin Luther (1483-1546, Eisleben, Sachsen-Anhalt), Mönch und Theologieprofessor, theologischer Urheber der Reformation und Mitverursacher der Kirchenspaltung. Luther ist wohl der bis dato für die Ideengeschichte der Menschheit bedeutendste Deutsche. Heute bekennen sich weltweit um die 800 Millionen Menschen zum Protestantismus, alleine 100 Millionen davon sind US-Amerikaner.

Vor allem war Luther vermutlich ein genialer, auf jeden Fall mutiger, vielleicht fanatischer Theologe. „Amore et studio elucidande veritas hec subscripta disputabuntur“, aus Liebe zur Wahrheit und in dem Bestreben, diese zu ergründen, wütet er 1517 mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel, den Zustand der katholischen Kirche, aber vor allem gegen die theologische Deutungshoheit und gottgegebene Unfehlbarkeit des Papstes.

Prompt folgte 1518 eine Anklage wegen notorischer Häresie, heute würde man sagen: fortgesetzter Meinungsfreiheit. 1520 forderte Luther erstmals, dass der Zölibat abgeschafft werden solle. 1521 wurde er schließlich exkommuniziert. Dieser Kirchenbann führte im gesamten Heiligen Römischen Reich (zu dieser Zeit noch ohne den Zusatz Deutscher Nation) automatisch zum Verlust aller Rechte (Reichsacht).

In seinem Versteck übersetzte der nun „vogelfreie“ Luther 1521/22 in nur vier Monaten das gesamte Neue Testament ins Deutsche. Die erste deutsche Bibelübersetzung des verfolgten Gotteslästerers erschien dank Guttenbergs phantastischer neuer Technik 1522 tatsächlich bereits in einer gedruckten Auflage von 3.000 Exemplaren – und fand reißenden Absatz.

An der Übersetzung des Alten Testaments arbeitet Luther weitere 12 Jahre, während derer er  Ordensgelübde und Zölibatsversprechen brach, als er 1525 eine ehemalige Nonne heiratete. Kein Treppenwitz: Mit Katherina von Bora zeugte Luther sechs Kinder, derzeit sind rund 2.800 lebende Nachkommen dieser Verbindung bekannt.

Hinsichtlich unseres gemeinsamen Deutschseins, immerhin der rote Faden dieser Serie, ist Luther bei seiner Bibelübersetzung – keinesfalls nebenbei – Existenzielles gelungen: Mit unvergleichlicher Sprachgewalt schuf er die Grundlagen unseres heutigen Hochdeutsch. Wenn auch die Wirkmacht der von ihm übersetzten Inhalte allmählich nachlässt, über das von Luther inspirierte Hochdeutsch sind wir Deutsche bis heute in besonderer Weise miteinander verbunden.

Das Foto zeigt Luther auf dem Buchcover von Heinz Schillings Luther-Biografie „Martin Luther: Rebell in einer Zeit des Umbruchs“ … das just in diesem Moment auf meine Amazon-Leseliste gefunden hat.

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Ergänzungen des Ursprungstextes / Anmerkungen

Freiheitskämpfer oder Volksverhetzer?
Seine provokative Frage „Ist eine solche vormoderne Existenz (wie Martin Luther) überhaupt jubiläumsfähig?“ beantwortet Christian Geyer selbst lakonisch: „Im Ernst kann es nicht darum gehen, ob Luther heute vorzeigbar ist oder nicht. Man kommt an ihm schlicht nicht vorbei, selbst wenn man es wollte.“ Da wenigstens sind wir einer Meinung.
Christian Geyer, Martin Luther – Freiheitskämpfer oder Volksverhetzer? FAZ 19.11.2014

Antijudaismus/Antimsemitismus
Bei allen Verdiensten um die Reformation und das Deutsche: Leider ist der späte Martin Luther ein erschreckendes Beispiel christlicher Judenfeindschaft, wie
Margot Käßmann in einem Gastbeitrag für die FAZ zu Recht anmerkte.
M. Käßmann – Die dunkle Seite der Reformation, FAZ 01.04.2014

 

Karl Marx – Philosoph der Arbeiterbewegung

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karl-marx-briefmarke_1968Karl Marx (geb. 1818 in Trier, gest. 1883 in London). Philosoph, Ökonom und Vordenker der Arbeiterbewegung. Im Lichte der Weltgeschichte neben Martin Luther wohl der folgenreichste Deutsche (zumindest bis zum Auftritt des Gröfaz). Interessant: Marx blieb, anders als viele andere deutsche Auswanderer, sein Leben lang Deutscher. (England lehnte 1874 einen Antrag auf britische Staatsbürgerschaft ab.) Bei meiner Recherche fand ich zudem die abgebildete Briefmarke, die die Deutsche Bundespost im Jahr 1968 zu Ehren seines 150. Geburtstages herausgab. Ob die Deutsche Post 2018 zu seinem 200. Geburtstag wohl wieder eine auflegt?

Daniel Cohn-Bendit – Haschischküchlein sind phantastisch!

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dani_2013Daniel Cohn-Bendit, Publizist und Politiker, Sohn aus Berlin geflohener jüdischer Deutscher, geb. 1945 in Montauban/Frankreich. Bis 1961 staatenlos, wählte er 1961 die französische Staatsbürgerschaft. 1968 als Aktivist der Studentenbewegung („Pariser Mai-Revolte“) in die Bundesrepublik ausgewiesen. In den 1970er Jahren gehörte er zur Frankfurter Sponti-Szene. Von 1994-2014 wurde er – abwechselnd für die deutschen Grünen und die französischen Les Verts in das Europaparlament gewählt, 2002-2014 Fraktionsvorsitzender der Fraktion der Grünen im EP.

Bei youtube findet sich ein sehenswertes französischen Video aus dem Jahr 1982, aus dem auch das obige Haschisch-Zitat stammt. Zeitgeschichtlich interessanter ist das Video, weil es dokumentiert, mit welcher fatalen Leichtigkeit im Diskurs um die Enttabuisierung der Sexualität auch die Pädophilie („ein erotisches Spiel“) gerechtfertigt wird. Da hilft auch der Hinweis auf das eingeworfene Haschischküchlein nicht, lieber Daniel, so blöd wird man von Cannabis nicht. Kinderschänder sind Gewalttäter! Die sexuelle Desorientierung bleibt ein „Gründungsmakel“ der Grünen.

Das Video kann man nicht einbinden, ansehen lohnt, deutsche Untertitel. https://www.youtube.com/watch?v=M0qvkg2nzg8

Pierre Vogel – Islamischer Missionar oder Hassprediger?

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Pierre Vogel (geb. 1978 in Frechen, NRW). Evangelisch getaufter und konfirmierter Deutscher, deutscher Jugendmeister im Boxen. Konvertierte 2001 zum Islam. Heute ist der islamistische Prediger fundamentalistischer Islam-Theorien (Bild: „Hassprediger“) wohl die einflussreichste Person der deutschen Konvertitenszene. Als gefährlich eingestuft wird er mind. seit 2010 vom Verfassungsschutz überwacht.
Hinweis: Diese SAT1-Reportage verwendet Vogels Propagandakanal bis heute als Werbemittel.

Heino – ein vorbildlicher Aktivrentner

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Heino, eigentlich Heinz Georg Kramm, geb.1938 in Düsseldorf. Früher als Vollpfosten eine Krone der Volksmusik. Heute kein Bambi mehr, sondern als Kulturgutschänder, hier im Video mit Gotthilf Fischer, Deutschlands vorbildlichster Aktivrentner. Klingt zwar  verdächtig nach Rammstein – aber Heino singt einfach besser als Till Lindemann. Viel Spaß damit!

KLIMANSKI: SCHMITTS ERSTER FALL

klimanski_schmitts_fallBeginnen wir das Jahr 2015 mit einer Buchempfehlung!

Ich habe Manfred Klimanskis Erstlingskrimi SCHMITTS FALL mit großem Genuss gelesen. Privatdetektiv Heinz Schmitt ermittelt in seinem ersten literarisch verzeichneten Fall in einer Erpressung und gerät dabei unvermittelt in eine Mordserie an Musikern des Sinfonieorchesters. Mehr will ich von der spannenden Geschichte eigentlich nicht verraten.
Mich hat begeistert, mit welcher Detailschärfe Klimanski seine Opfer, Musiker allesamt, zunächst in ihrer Skurrilität zeichnet – bevor er sie mit kaum verborgener Begeisterung hinmeuchelt.

Wer den Autor, beruflich lange Jahre Rektor der Musikhochschule Freiburg, und die lauschige Provinzidylle Freiburgs persönlich kennt, dem wird das Buch, die erzählte Geschichte und die wie nebenbei eingefangene Atmosphäre ganz besonders gut gefallen.

Ich freue mich bereits auf Schmitts nächsten Fall. Lesen!
Klimanski, Schmitts Fall <<< bei Amazon bestellen

Grundeinkommen! Doch die SPD hat nichts begriffen

Freiheit, Gleichheit, Grundeinkommen. Die SPD will es einfach nicht begreifen.

Ob nun die CDU mit den Jahren sozialdemokratischer geworden ist, sei dahingestellt. Jedenfalls ist sie unter der Führung von Angela Merkel ein wenig moderner als unter Helmut Kohl. Das dürfte zur Bundestagswahl im Herbst dicke reichen, denn die gute alte Tante SPD hat nichts, überhaupt nicht begriffen wo ihre Chance liegen könnte. Die Nominierung Klaus Wiesehügels ins Schattenkabinett Peer Steinbrücks beweist – einmal mehr – die grundsätzliche Verirrung der Parteiführung.

Entremdung, Ratlosigkeit, kein Konzept
Die Entfremdung zwischen Spitzenpersonal und Wähler war nie größer.
Derzeit dümpelt die SPD in Umfragen um die 25%. Genau genommen, also eine 75% Wahlbeteilung vorausgesetzt, repräsentiert die SPD derzeit also noch rund 18% der Wahlberechtigten. Nicht einmal jeder Fünfte Wahlberechtigte würde am Sonntag der SPD das Vertrauen schenken.  Und das in einer Situation, in der sich immer mehr Menschen entsichert und abstiegsbedroht fühlen oder – inmitten unseres Wohlstandes – bereits in Armut leben. Für diese Menschen war Hartz IV bestenfalls ein Rohrkrepierer,  sie haben heute weniger als früher. Weniger Geld, weniger Perspektive im ersten Arbeitsmarkt, noch weniger Sicherheit vor Altersarmut. Gefühlsmäßig weiß die SPD, dass sie erst wieder zu sich findet, gar wieder enthusiastische junge Mitglieder finden wird, wenn es ihr gelingt, ernst gemeinte und pragmatische Konzepte zur Armutsbekämpfung und hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit anzubieten.

Völlig falsches Signal
Nun hat man – scheinbar als Ausweis der eigenen Kompetenz in Arbeits- und Gerechtigkeitsfragen – ausgerechnet wieder einen Gewerkschaftsboss in Steinbrücks Schattenkabinett berufen. Die Nominierung Wiesehügels darf man getrost so angemessen finden,  wie einen Vorschlag der FDP, einen Pharmalobbyisten zum Gesundheitsminister zu machen. Und erinnern wir uns nicht alle noch mit Grausen an Walter Riester?

Nichts gegen Gewerkschaften
Um es klarzustellen: Natürlich haben die Gewerkschaften historische Verdienste, auch um den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft. Doch in den vielen hinter uns liegenden Wohlstandsjahren haben sich Funktion und Selbstverständnis der Gewerkschaften deutlich gewandelt. Auch die historische gewachsene Nähe zur SPD ist längst der gegenseitigen Irritation gewichen: Heute streiten Gewerkschaften nicht mehr um soziale Mindeststandards für aufstrebende Massen, sondern hocheffizient für Besitzstandswahrung und Wohlstandsmehrung ihrer Mitglieder. Vermutlich war das historisch schon immer so. Nur dass heute gewerkschaftlich organisierte Arbeitnehmer für ihre – übrigens oft sehr teure – Mitgliedschaft vor allem eines erwarten – und bekommen: Mehr Geld in ihrer nächsten Lohntüte. Gestande Gewerkschafter sind also was sie sind: Interessenvertreter derer, die sich innerhalb des funktionierenden Sozialversicherungssystems befinden. Alternative Wege jenseits der klassischen Formen der Erwerbsarbeit sind ihnen fremd. Angestellte Arbeit, möglichst über einem Mindestlohn und die „Reintergration“ Nicht-Erwerbstätiger in das erodierende Sozialversicherungssystem – statt dessen radikaler Transformation – ist ihr Sozialstaatsmodell. Experten für innovative Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation sind sie damit gewiss nicht.

Keine geborenen Experten für Gerechtigkeit
Dass den Gewerkschaften durch ihre historische Nähe zum „arbeitenden Volk“, durch ihre oft hochideologische interne Fortbildungsarbeit, ihre Spitzenvertreter mit Erfahrungen in Aufsichtsräten nationaler und internationaler Industrieunternehmen ein besonderes Spezialistentum in Fragen der Armutsbekämpfung zuwächst ist ein historischer Irrtum, dem die SPD – wohl mangels eigener Ideen – hartnäckig aufsitzt.

Die SPD hätte Götz W. Werner fragens sollen
Meinte es die SPD ernst mit der Armutsbekämpfung, wollte sie uns signalisieren, dass sie begriffen hat in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln will (!), wollte sie die nächste Wahl wirklich gewinnen , hätte sie Götz W. Werner oder einen seiner Mitstreiter für ein Grundeinkommen in Steinbrücks Schattenkabinett nominiert.

Ein Trost bleibt: Für eine grün-rote Bundesregierung sind die Grünen bundesweit – noch – nicht stark genug. Ein Minister Wiesehügel bleibt uns ziemlich sicher erspart.

Wem es wirklich ernst ist mit sozialer Gerechtigkeit, dem seien die Webseiten von Götz W. Werner zum bedingungslosen Grundeinkommen bzw. die der Europäischen Bürgerinitiative für ein Grundeinkommen empfohlen.

http://www.unternimm-die-zukunft.de/de/zum-grundeinkommen/
http://www.ebi-grundeinkommen.de/

zwischenrufer / 18.05.2013

Seehofers chronisch sonderhaftes Bayern

Landesregierung in Not: Derzeit hat Horst Seehofer nicht viel zu lachen. Foto: www.csu-portal.de

Geahnt habe wir es ja schon immer, doch die Wahrheit ist viel schlimmer: Bayern ist nach wie vor ein Amigo-Land. Selbst die Jahre unter der Führung des stocksteifen, scheinbar überkorrekten Edmund Stoiber haben daran nichts geändert. Für sich selbst und die ihren, das ist jetzt nicht mehr zu vertuschen, nimmt es die CSU im Freistaat nicht so ernst mit dem Gesetz bzw. mit dem Gesetzesvollzug. Wenn gleich die halbe Regierungsmannschaft rechtswidrig Verwandte beschäftigt, erscheint es plötzlich viel wahrscheinlicher, dass auch unter Horst Seehofer der Mangel an Steuerfahndern Vorsatz hat. Pünktlich zur Bundestagswahl wirbelt nun ausgerechnet eine Steueraffäre um einen prominenten Wurstfabrikanten so viel Staub auf, dass das dahinter liegende System deutlich zu erkennen ist. Ist München in Wahrheit ein Steuerparadies?

„Gute Freunde kann niemand trennen“
Wir haben sehr gelacht, ausgerechnet im Sportteil der F.A.S. vom 28.04.2013 unter dem Titel „Gute Freunde kann niemand trennen“ Belege gar für eine Tradition dieses Systems zu finden. Der Artikel von Christoph Becker beleuchtet dabei scheinbar die traditionell enge Verstrickung von Fußball, namentlich dem FC Bayern München, und der bayrischen Landespolitik. Bereits Ende der Siebziger Jahre, damals hatte Franz Beckenbauer wohl Werbegelder an der Steuer vorbei in der Schweiz angelegt, mischte sich die Staatsregierung vehement zu Gunsten des Weltmeisters in das Steuerverfahren ein, berichtet Ministerialrat Wilhelm Schlötterer (und sei auch in dessen Erinnerungen „Macht und Missbrauch“ nachzulesen). Auch im aktuellen Fall Hoeneß verweist Schlötterer auf einen eigenartigen Umgang vor allem mit dem Steuergeheimnis. „Ich halte so etwas in Nordrhein-Westfalen oder Niedersachsen nicht für möglich.

Selbst der Papst ist zurückgetreten
Tatsächlich: Im evangelischen Norden werden selbst Bundespräsidenten für geringere Vergehen aus dem Amt gejagt. Doch dass die barocken Sonderverhältnisse im katholischen Süden nicht auf ewig in Stein gemeißelt sind, hat der radikale Regierungswechsel in Baden-Württemberg gezeigt. Und selbst der unstrittig katholischste Bayer, Joseph Ratzinger, hat es geschafft als Papst zurückzutreten, als er seine Zeit gekommen sah.

Hoeneß geht – vielleicht – mit Champions-League-Sieg
Ich wage keine Prognose, ob auch nur ein bayrischer Minister wegen der rechtswidrigen Beschäftigung von Verwandten zurücktreten wird. Oder wann Uli Hoeneß von selbst zur Erkenntnis gelangt, dass ein derart abgelenkter und vom Businessmodell des FC Bayern ablenkender Präsident für die FC Bayern Fußball AG nicht mehr tragbar ist. Immerhin: Uli Hoeneß könnte noch direkt nach einem gewonnenen Champions-League-Finale in Glanz und Gloria abtreten, z.B. „um weiteren Schaden abzuwenden“, das hätte Stil.

Landtagswahl im Herbst 2013
Die von der Affäre wegen der rechtswidrigen Beschäftigung von Verwandten betroffenen bayrischen Landtagsabgeordneten und Landesminister haben den richtigen Zeitpunkt zum sauberen Abgang bereits verpasst. Jetzt wird es sehr spannend, denn in Bayern wird im Herbst ebenfalls, aber selbstverständlich nicht mit, sondern eine Woche nach der Bundestagswahl, ein neues Landesparlament gewählt. Dem Beobachter drängt sich der Eindruck auf, ein radikaler Wechsel wie in Baden-Württemberg wäre auch für Bayern eine angemessene Medizin gegen die chronische Sonderhaftigkeit.

zwischenrufer / 06.05.2013

Eröffnungsflug vom Flughafen Kassel-Calden fällt aus

Der Herkules, Kassels Wahrzeichen, würde sich beschämt abwenden – wenn er denn könnte. Foto: Schuler.

Kassel-Calden?  Für all jene, die schon Kassel nur vom Zwischenhalt des Intercity kennen: In Kassel-Calden eröffnet Anfang April 2013 ein neuer, lange geplanter Regionalflughafen.  Seit mindestens einem Jahrzehnt werden politisch Verantwortliche nicht müde, Notwendigkeit und positive Effekte eines solchen Regionalflughafens zu betonen.  Entgegen aller Vernunft und trotz chronisch klammer öffentlicher Kassen.  Das Desaster wird immer deutlicher, je näher der Eröffnungstermin heranrückt: Industrie und  Logistikbranche, auf deren unabweisbaren Bedürfnisse man in der politischen Diskussion immer verwiesen hatte, haben am Ende, sehr zum Verdruss der Politik, nicht einen Cent in Kassel-Calden investiert.  Zudem ist es der  REWE-Touristik und Anbieter Involatus nicht gelungen, zureichend Tickets für den Erstflug ins türkische Antalya zu verkaufen.

Nur sechs Tickets verkauft, Flug abgesagt!
Der Flug ist abgesagt, die sechs (!) Passagiere wurden – ausgerechnet – auf Flüge ab Paderborn umgebucht. Das ist, anders als es das nordhessische Leitmedium HNA heute unter der Überschrift „Calden-Passagiere starten in Paderborn“ verniedlichend meldet, viel mehr als nur „peinlich“! Denn das Desaster ist sogar deutlich schlimmer als am BER in Berlin, wo es an Fluggästen vermutlich nie mangeln wird. Gäbe es die Region Nordhessen und wäre sie eine Firma, würden nun Dutzende Köpfe rollen.

Autobahn notwendig, Flughafen fraglich
Anders als die mittlerweile sündhaft teure Autobahn A44 von Kassel nach Eisenach, mit der die Region ihre verkehrsgünstige Lage in der Mitte Deutschlands und das hier angesiedelte Logistikgewerbe weiter stärkt, ist der Regionalflughafen eine äußerst zweifelhafte Infrastrukturmaßnahme – was man in Nordhessen bisher allerdings nicht sagen darf, ohne als Defätist zu gelten. Dabei liegen die Fakten auf der Hand.

Fakten zum Flughafen Kassel-Calden

1) Die Menschen in Nordhessen haben bzw. hatten  mit dem Flughafen Paderborn-Lippstadt längst einen funktionierenden, verkehrsgünstig gelegenen Regionalflughafen. Lediglich die Politik hatte keinen Flughafen.

2) Da der Flughafen Kassel-Calden nicht an eine Autobahn angeschlossen ist, verringert sich die Anreisezeit für die meisten Nordhessen nur minimal. Bereits für Baunataler z.B. dürfte hier kein Unterschied liegen, sie brauchen künftig rund 45 Minuten zum Flughafen ihrer Wahl – entweder bequem über die Autobahn Richtung Dortmund – oder umständlich um die Kasseler Innenstadt herum. Insofern wäre die Anreisezeit eher ein Argument für Südniedersachsen,  Göttinger oder Reisende aus Thüringen, die bisher von Hannover oder Erfurt geflogen sind.

3) Den Tourismus nach Nordhessen wird Kassel-Calden wohl kaum stärken können. Denn die attraktivste und touristisch am besten erschlossene Gegend Nordhessens, das Waldecker Land mit dem angrenzenden Upland in Ostwestfalen, bleibt am näheren Flughafen Paderborn orientiert.

4) Der Wettbewerb der beiden Regionalflughäfen schadet künftig beiden Flughäfen – und hat Paderborn längst geschadet! Die Zeiten günstiger Restflüge von Paderborn auf die Kanaren sind z.B. längst vorbei. Denn eigentlich haben Regionalflughäfen überhaupt keinen Einfluss auf die angebotenen Reiseziele. Darüber entscheiden Touristikindustrie und Billigfluglinien, die die Regeln ihres ruinösen Wettbewerbs knallhart an die Flughafengesellschaften durchreichen. Flughäfen, die nicht bereit sind an der Kostengrenze mitzubieten, werden ausgelistet, unausgelastete Regionalflughäfen gibt es in der ganzen Republik. Den Regeln dieses Marktes folgend werden Touristikunternehmen und Fluggesellschaften die beiden Flughäfen künftig  gegeneinander ausspielen.

5) Bliebe noch der Luftfrachtverkehr, um den man bereits oder zumindest alsbald verstärkt werben wird in Kassel-Calden. Sieht man vom Problem der Nachtflüge ab: Dessen Güter müssen nach der Landung wieder auf die Straßen – die ohne Autobahn durch nordhessische Gemeinden führen. Wird Kassel-Calden ein Erfolg als Frachtflughafen, sind die Probleme der Anliegergemeinden vorhersehbar. Und wie gering der nordhessische Einfluss auf das Bundesverkehrsministerium ist, zeigt die Entwicklung an der A7 Anschlussstelle Kassel-Nord überdeutlich.

Flughafen ohne Autobahnanschluss
Die hessischen Steuerzahler, besonders hart wird es die Kasseler treffen, werden also voraussichtlich über viele Jahre für einen vermutlich schlecht marktgängigen, defizitären Flughafen aufkommen müssen. Bis denn dereinst, jenseits der sogenannten Krise, Tourismus und Frachtverkehr wieder ordentlich wachsen. Ob sich der Flughafen ohne Autobahnanschluss je rechnet steht heute mehr denn je in den Sternen.

zwischenrufer / 23.03.2013

FDP: Dummheit lässt sich nicht verbieten

Dummheit lässt sich nicht verbieten: Philipp Rösler ist gegen das NPD-Verbotsverfahren.

Eigentlich sollte man überhaupt nicht über die FDP schreiben. Aber davon stirbt weder die Dummheit aus, noch lässt sich damit ein Scheitern der FDP bei der nächsten Bundestagswahl unterstützen. Also entsteht einmal mehr ein Text, den Leser wie meine Schwester „fies“ finden. Trotzdem.

Beginnen wir mit den Tatsachen: Wider Erwarten hat FDP-Chef Philipp Rösler gerade ein energisches NEIN zum NPD-Verbotsverfahren vorgetragen: Dummheit lasse sich nicht verbieten, meint er. Klasse Auftritt, deutliche Worte – denkt man beim ersten Hinhören.

Verbotsverfahren längst „unterwegs“
Dumm nur, dass das von einer deutlichen Bundesratsmehrheit angestoßene NPD-Verbotsverfahren längst nach Karlsruhe unterwegs ist. In der aktuellen Diskussion geht es also nur noch darum, ob die Bundesregierung dem Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht formal beitritt.

Wieder nur Show oder gar politisches Kalkül?
Verhandelt und entschieden wird also in jedem Fall, auch ohne Philipp Röslers Segen. War das jetzt also Show oder politisches Kalkül – oder erwarten wir längst viel zu viel von Parteiführern und Bundesministern? Lassen sie uns gemeinsam überlegen.

Hauptsache in die Tagesthemen
Vermutlich, das scheint mir die naheliegendste Interpretation, wollte Rösler, genervt von seinem widererstarkten Spitzenkandidaten, endlich mal wieder ordentlich öffentlichkeitswirksam auftreten. Am besten dahin, wo es Horst Seehofer wehtut, nebenbei Innenminister Joachim Herrmann alt aussehen lässt – und auf alle Fälle für ordentliche Medienresonanz bis in die Tagesthemen sorgt.

Rösler taugt kaum zum Rattenfänger
Oder steckt mehr politisches Kalkül hinter der Botschaft? Schließlich muss ja im Herbst irgendwer sein Kreuz bei der FDP machen. Allerdings dürfte Philipp Rösler – allemal nach der jüngst von „Parteifreund“ Jörg-Uwe Hahn angestoßenen Diskussion um sein ausländisches Aussehen –  wohl wissen, dass sich mit ihm nicht einmal bei Konservativen ordentlich punkten lässt – und schon gar nicht nicht bei dummen Skinheads oder ewig gestrigen Ausländerhassern.

Auf der Zielgeraden ohne Not isoliert
Politisch isoliert sich Rösler – ohne Not und quasi auf der Zielgeraden – indes von all den vielen entschlossenen Demokraten in den Landesregierungen und den Verfassungsschutzämtern, die in den letzten Jahren eine gerichtsfeste Dokumentation verfassungsfeindlicher Aktivitäten der NPD – nur darum geht es im Verbotsverfahren – betrieben haben. Und denen dabei vermutlich große Verdienste bei der nachhaltigen Entflechtung von Staatschutz und NPD zukommen.

Überflüssige Nazipartei endlich verbieten!
Um nicht weniger, als den kläglichen Rest dieser vollständig überflüssigen Partei mit Hilfe der obersten Verfassungswächter endgültig auf der Müllhalde der Geschichte zu entsorgen, geht es den Befürwortern des Verbotsverfahrens. Sie werden getragen von einer breiten Mehrheit in der Bevölkerung. Aber auch von vielen Bürgermeistern, die es leid sind, dass sich Rechtsradikale mit ihren Parteitagen und Aufmärschen – und dem Verweis auf ihren Status als zugelassene Partei – erfolgreich in ihre Hallen und auf ihre Plätze klagen. Erst wenn die NPD verboten ist, hört dieser Spuk auf!

Weiter so, Philipp!
Dass sich mit einem NPD-Verbot allein rechtsradikales Gedankengut verhindern lasse, glaubt sicher niemand. Diesem Niemand galt der so mutige Auftritt Philipp Röslers.

Weiter so Philipp, dann klappt das im Herbst auch mit den vier Prozent!

zwischenrufer / 19.03.2013 / Foto: www.wikipedia.de