Irmtrud Wojak oder ein Plädoyer wider die „negative Erinnerungskultur“

Am 28. April hielt Irmtrud Wojak einen interessanten und diskussionswürdigen Vortrag im Stemmerhof in München. Sie referierte dort auf Einladung der Sendlinger Grünen über das Thema „Fritz Bauer oder die Pflicht zum Ungehorsam“, stellte ihr Thema aber zugleich auch in den Kontext der gegenwärtigen Erinnerungskultur.

Wojak hat 2009 eine in erster und kürzlich nun in zweiter Auflage erschienene Biographie über den als Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz M. Bauer verfasst (1). Als Ermittler und Ankläger schrieb Bauer in den 1960er Jahren während der Frankfurter Auschwitz-Prozesse bundesrepublikanische Justizgeschichte. Die habilitierte Historikerin Wojak war 2009-2011 in München Gründungsdirektorin des gegen ihren Willen so benannten „NS-Dokumentatonszentrums“ gewesen, hatte aber aufgrund von konzeptionellen Differenzen ihren Posten verloren und wurde schließlich durch den bis heute amtierenden TU-Architekturgeschichtsemeritus Winfried Nerdinger ersetzt (2).


Insofern entbehrte es nicht einer gewissen Brisanz, dass Irmtrud Wojak in ihrem Vortrag kurz vor dem ersten Jahrestag der Eröffnung des NS-Dokuzentrums nachdrücklich die „negative Erinnerungskultur“ kritisierte, die in Bezug auf die Jahre 1933-45 vorherrsche. Nötig sei Wojak zufolge vielmehr, sich „das Narrativ der Opfer zu eigen zu machen“ – sie verwies in diesem Zusammenhang auch auf Fritz Bauers Ideen über eine Beschäftigung mit der historischen Vergangenheit, die ihm zufolge zum „Urgrund des Fühlens“ und der Liebe leiten solle. In diesem Sinne habe sich die Geschichtsvermittlung der NS-Zeit in Museen und Ausstellung klar auf die Seite der Opfer und Überlebenden zu stellen und gegen die Täter zu positionieren, anstatt sich neutral-sachlich auf multiperspektivische Geschichtsdarstellung einzulassen.

Während der angeregten Diskussion im Anschluss an ihren Vortrag warnte Wojak vor der Gefahr, bei einem einseitigen Fokus auf das „Erinnern des Bösen“ letztlich ungewollt dem Rechtsextremismus zuzuarbeiten. So zeigten beispielsweise Erfahrungen mit Jugendgruppen bei Besuchen der Gedenkstätte in Auschwitz, dass eine geballte Konfrontation mit der Tätergeschichte eher Verdrängungswünsche aufkommen lassen könne. Hingegen wecke die Möglichkeit, sich auch positiv mit Opfer- und Widerstandsgeschichte zu befassen, zumeist nachhaltig das historische Interesse für die Geschichte des Holocaust bei Jugendlichen.


Zu dem Münchner Vortrags- und Diskussionsabend wurde unter #FritzBauer getwittert (3). Informationen zu Irmtrud Wojaks erinnerungskulturellen Ideen finden sich auf der Homepage eines von ihr geleiteten Projekts, der Buxus-Stiftung, in deren Rahmen die Gründung eines nach Fritz M. Bauer benannte „FMB-Kollegs“ geplant ist (4).

Anmerkungen:
1. Irmtrud Wojak, Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie, München 2009 (1.Aufl), 2016 (2. Aufl.)
2. Martin Hecht, Lektionen in Glas und Beton, in: Tagesspiegel 11.10.2012, http://www.tagesspiegel.de/kultur/lektionen-in-glas-und-beton/7238734.html
3. Alle Tweets sind direkt auch auf der folgender Seite abrufbar: https://twitter.com/Muenchen1968
4. http://www.buxus-stiftung.de/index.php/de/

Auch in München: „Mein Kampf“ sells again

Die neue „Mein Kampf“-Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) verkauft gut – so gut, dass der Verlag mit dem Drucken kaum hinterherkommt. Bei Amazon versuchen unterdesse Zwischenhändler ihr Gschäftle mit ungeduldigen Kunden zu machen und bieten die opulente 2000-Seiten-Ausgabe nicht für 59 Euro an, sondern gleich für die vierfache Summe.


Insofern war der große Andrang nicht überraschend bei einer kürzlich veranstalteten Diskussionsrunde, zu der der sonst eher in überschaubarerem Rahmen tagende „Kompetenzverbundes historische Wissenschaften München“ aus Anlass der Edition in die Bayerische Akademie der Wissenschaften eingeladen hatte. Zum Thema „Hitler und der Nationalsozialismus. Eine aktuelle Forschungsbilanz“ diskutierten am 2. Februar die Historiker Christian Hartmann, Peter Longerich, Wolfram Pyta und Volker Ullrich unter Leitung von des IfZ-Direktors Andreas Wirsching so im mit mehreren Hundert Zuhörern vollbesetzten Plenarsaal der Akademie.
Anders als vielleicht von einem Gutteil des Publikums vermutet, ging es dabei aber weniger um die „Mein Kampf“-Edition des IfZ. Lediglich Peter Longerich stellte en passant den Sinn der dickleibigen Edition in Frage: Ob man denn nicht besser auch eine Interpretation des Textes dem Leser mit an die Hand hätte geben sollen, anstatt sich auf einen umfangreichen Anmerkungsapparat zu beschränken, hakte er nach. Doch Mit-Herausgeber Christian Hartmann verteidigte das Vorgehen klassisch-zunftgemäß mit dem Hinweis, dass auch im Falle von „Mein Kampf“ „die Quelle im Mittelpunkt“ der Edition habe stehen sollen. Dem Quellentext habe sich das IfZ bewusst „unterworfen“ und deshalb auf die Beigabe einer eigenen Synthese verzichtet.
Ansonsten dominierte an dem Abend vor allem das kritische Abwägen bekannter Forschungspositionen zur Bedeutung der Person Hitlers für den Nationalsozialismus: Auf der einen Seite betonte Longerich die großen Handlungsspielräumen Hitlers in seiner Rolle als „starker Diktator“. Auf der anderen Seite strich Volker Ullrich heraus, dass das NS-System auch deswegen funktionierte, weil die Bereitschaft, dem „Führer entgegenzuarbeiten“ so weit verbreitet war. Auch beim Blick auf die politischen Anfänge Hitlers in München wollte er, anders als Hartmann, weniger die besondere „Führer“-Persönlichkeit hervorheben als vielmehr das Versagen des urbanen Umfelds: Hitler sei ein „echtes Münchner Phänomen“ gewesen – „in keiner anderen deutschen Großstadt“ hätte er so leicht seine Karriere starten können.


Wolfram Pyta nutzte den Abend vor allem, um seine These vom Künstler-Herrscher Hitler in der aktuellen Forschungsdebatte nachdrücklich zu verankern. Angesichts seines Fokus auf performativ-ästhetische Herrschaftskomponenten war es so nur konsequent, dass er als wichtiges Desiderat am Ende der Veranstaltung eine neue wissenschaftliche Edition der Reden Hitlers anmahnte. Dass bei einem solchen Vorhaben abermals das Institut für Zeitgeschichte die Federführung übernehmen könnte, stellte Andreas Wirsching allerdings postwendend in Frage.
Tweets zu dem Diskussionsabend finden sich auf meinem Twitter-Account (https://twitter.com/Muenchen1968) sowie den Hashtags ‪#‎Hitler‬ und ‪#‎NS‬. Ein Podcast des Bayerischen Rundfunks, für den Ulrich Chaussy auf B2 über den Abend berichtet und dabei in seinem Beitrag auch Mitschnitte aus der Diskussion wiedergeben hat, öffnet sich unter folgendem Link:
http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/kulturwelt/hitler-und-der-ns-eine-aktuelle-forschungsbilanz-100.html